© liegt bei Selina Kröger

und

*Piccolina*

Aufgabe: Königspaar

 

Nr. 1

 

Am Ende kommt alles anders

 

Manch einer mag vielleicht der Meinung gewesen sein ich sei neu auf der Schule, aber das war nicht der Fall. Seit ich aus dem Kindergarten kam, besuchte ich ein und dieselbe Schule, doch war ich so gut wie unsichtbar. Niemand nahm Notiz von mir, außer den Lehrern natürlich. Ich war eine gute Schülerin, bekam immer herausragende Noten, aber Freunde hatte ich keine. In der gesamten bisherigen Zeit nicht. Ich war gut in dem was ich tat, ich konnte vieles ohne zu lernen, aber zwischenmenschliche Kontakte blieben mir verschlossen. Selbst die Streber wollten nichts mit mir zu tun haben. Also aß ich alleine zu Mittag, ich ging alleine in den Klassenraum, saß alleine an meinem Tisch und machte mich alleine auf den Weg nach Hause. So war das eben und es war mir recht.

 

Ganz zu Beginn hatte ich vielleicht noch versucht Anschluss zu finden, aber irgendwann, wenn man sieht dass man nicht erwünscht ist, zieht man seine Mauern hoch und bleibt lieber für sich.

 

Umso erstaunter war ich als ich Anfang des Jahres in meine Klasse kam und meinen Tisch nicht mehr leer vorfand. Wie gewohnt setze ich mich an meinen Platz. Schaute dabei jedoch die zwei schönsten Augen, die ich je gesehen hatte. Sein Name war Jonas und er ging schon immer in meine Klasse, gehörte aber zu den beliebtesten Kids der Schule. So war es zumindest früher gewesen. In letzter Zeit allerdings war er kaum noch in der Schule gewesen und je mehr man drauf achtete, desto auffälliger distanzierte er sich von den Cliquen der Anderen.

 

Zu diesem Zeitpunkt verstand ich das nicht, aber es war mir eigentlich auch egal. Die ersten Wochen redeten wir kein einziges Wort miteinander. Genaugenommen redete er mit niemandem, genauso wenig wie ich. In gewisser Weise ähnelten wir uns sehr und das machte mich neugierig. Über kurz oder lang fingen wir an uns Zettelchen zu schreiben, irgendwann wurden es Briefe und Mails. Wir näherten uns an und je mehr Zeit wir miteinander verbrachten, umso näher waren wir uns. Wir wurden Freunde und irgendwann wurde er sogar mein Freund. Mein erster fester Freund. Das war schon was Besonderes. Allerdings sah das nicht jeder so.

 

Seine Ex und ihre Freundinnen fingen an uns alles zu vermiesen. Zuerst waren es nur Kleinigkeiten. Feindselige Zettel in meinem Spind, Heftzwecken auf meinem Stuhl und schnell dann auch zerstochene Fahrradreifen und ähnliches. Meine Zeit des „unsichtbar seins“ hatte sich erledigt, ob ich das nun wollte oder nicht. Jonas hatte versucht das Ganze zu unterbinden, hatte aber keine Chance, denn Soraia hatte es auf mich abgesehen. Sie wollte ihn und wenn sie ihn nicht haben konnte, dann auch keine Andere. Schon gar nicht so ein graues Mäuschen wie ich. Sie war ein Biest.

 

Ihre Schikanen gingen fast über ein halbes Jahr, aber ich hatte mich damit abgefunden. Ich liebte Jonas und hätte nie zugelassen, dass uns das auseinander gebracht hätte. Als dann der Abschlussball immer näher rückte, wollte ich nicht mal hingehen. Warum sollten wir uns das geben? Wir wussten dass es nur eine Sammelveranstaltung war, eine die uns Beiden nichts bedeutete. Im Grunde waren wir uns einig. Bis zu dem Moment in dem die Nominierten für die Abschlussballkönigin und dem Abschlussballkönig vorgelesen wurden. Ich weiß nicht wie oder warum aber Jonas und ich standen auf dieser Liste. Alle fingen an zu tuscheln, selbst wir waren geschockt, denn wir hatten uns nicht eingetragen. In einigen seltenen Fällen aber, schlugen auch andere Mitschüler Namen vor. Wie wir es auch drehten und wendeten, wir hatten keine Wahl. Wer nominiert war, musste auch erscheinen. Wir taten also was wir tun mussten.

 

Ich kaufte mir ein Kleid, schicke Schuhe und ließ mir die Haare und Makeup machen. Als Jonas dann endlich bei mir zu Hause ankam um mich abzuholen, fiel er fast um vor staunen. Mein Abendkleid funkelte in den schönsten Beigetönen und auch in meiner Hochsteckfrisur spiegelte sich ebenfalls das Thema des Balls wieder. Ich war eine Prinzessin und was hatte ich schon zu verlieren? Vielleicht würde ich ja sogar zur Königin gekrönt.

In einer riesigen schwarzen Limousine fuhren wir zu unserem Abschlussball und schon als wir vorfuhren ruhten alle Blicke auf uns. Wir waren nicht mehr unsichtbar. Aber wenn wir schon von allen wahrgenommen werden würden, dann wenigstens richtig. Der Wagen hielt und Jonas lief um ihn herum, um mir die Tür aufzuhalten.

 

Bei ihm untergehakt, betraten wir zusammen den Ballsaal. Der Raum war wunderschön dekoriert, überall glänzte und funkelte es. Tische mit Bowle standen bereit und die Musik spielte unseren Song. Sofort liefen wir auf die Tanzfläche und hatten unseren Spaß. Bis dahin war der Abend wirklich toll, doch es kam wie es kommen musste. Als die Nominierten in Richtung Bühne gerufen wurden, wurde es ernst. Ich hatte mir zwar nicht wirklich Hoffnungen auf die Krone gemacht, aber nervös war ich trotzdem. Vor allem aber irritierte mich Soraias Lachen. Sie wirkte nicht glücklich, nicht wie jemand der Spaß hatte oder jemand der die Krone wollte, sie sah eher gehässig aus und das machte mir Sorgen. Als ich auch schon aus meinen Gedanken gerissen wurde.

 

Um mich herum wurde geklatscht und ich wurde von allen Seiten auf die Bühne geschoben. War das echt? Hatte ich wirklich gewonnen? Neben mir erschien Jonas, der ebenfalls übers ganze Gesicht grinste. Tatsächlich setze man mir die Krone auf und übergab mir Blumen. Ich hatte es geschafft, ich war Abschlussballkönigen und genau in diesem Moment fiel mein Blick auf Soraia. Ich hatte sie geschlagen. Endlich hatte ich sie geschlagen. Doch in ihren Augen war kein Hass, nichts von der sonstigen Arroganz. Sie war einfach nur amüsiert über meinen Anblick und in der nächsten Sekunde wurde mir auch klar warum. Ich weiß nicht was es war was mir über meinen Kopf lief, ob Farbe oder etwas ähnliches, aber es stank so sehr dass mir übel wurde und ich mich fast überergeben hätte, bevor es endgültig dunkel um mich wurde.

 

Ich war in Ohnmacht gefallen und vom restlichen Abend bekam ich nichts mehr mit.


Nr. 2

 

Das (unerwartete) Königspaar

 

Ich war das was die Menschen in meinem Alter einen „MoF“ nannten. Einen „Mensch ohne Freunde“. Es war aber auch kein Wunder das es so war. Ich war zu dünn, zu blass und trug eine Brille die jeder Lupe Konkurrenz machte. Außerdem trug ich die Kleidung meiner zwei Jahre älteren Schwester auf. Und wenn mal etwas neu war, trug es das Label „Kleiderkammer“. Im Grunde war ich zufrieden mit mir und meinem Leben als MoF. Schließlich kannte ich es nicht anders. Es zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Doch ich hatte auch den Wusch einmal etwas Besonderes zu sein. Im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen und gefeiert zu werden. Und dann beschloss ich, meinem Glück ein wenig auf die Sprünge zu helfen.

 

Ich suchte mir für mein Vorhaben den Abend des Schulballs aus. Es war der Abschlussball und niemand sollte diesen vergessen. Ich wollte den perfekten Abgang hinlegen und niemand sollte mich als Mila, den MoF, in Erinnerung behalten, sondern als Mila.


Da ich großes Vertrauen der Lehrer genoss, überließ man mir die Verantwortung für die Wahl des Königspaares. Das war der wichtigste Punkt an diesem Abend. Ich war dafür zuständig am Anfang des Abends die Wahlkarten zu verteilen und hinterher einzusammeln und auszuzählen.


Natürlich hatte ich keine Begleitung zum Ball. Wer wollte schon mit der Außenseiterin der Schule gesehen werden? Dennoch gab ich mir die größte Mühe mich schön zu machen. Zum ersten Mal in meinem Leben benutze ich Dinge wie Haarspangen, Lockenwickler und Schminke. Außerdem zog ich das Sonntagskleid meiner Mutter an. Ein knielanges, braunes Kleid. An den Enden der langen Ärmel und am Saum mit Spitze versetzt. Der Ausschnitt war verziert mit kleinen rosafarbenen Strasssteinchen. Mehr war nicht möglich. Und ich fand, bis auf die Brille, sah ich wirklich chic aus.

 

Das Motto des Balls, war „Sparkling“. Überall in der Sporthalle wurde es gekonnt umgesetzt. An den Wänden, der Decke, auf den Toiletten und im Eingangsbereich. Sogar die Wahlkarten hatte ich mit kleinen Steinchen beklebt. Diese funkelten in den Händen der Schüler, während sie sie in den Händen hielten und das Licht der Scheinwerfer darauf schien. Auch die Kleider meiner Mitschülerinnen glitzerten im Licht. Es sah aus als wäre die ganze Halle in einen Sternenhimmel getaucht.


Die meiste Zeit verbrachte ich allein in einer Ecke. Oder saß an einem der Tische und trank Bowle. Ziemlich viel Bowle, denn ich brauchte Mut.


Drei Stunden nach Beginn der Party, gab der Schuldirektor mir ein Zeichen und ich fing an die Wahlkarten einzusammeln. Im Büro der Sportlehrer zählte ich sie aus.

 

„Liebe Schülerinnen und Schüler,“ sprach der Direktor von der Bühne. „Nun kommen wir zum Highlight dieses Abends. Ihr alle wartet sicher schon sehnlichst auf diesen Moment. Ich will nicht lange um den heißen Brei reden oder euch einen Vortrag, über das Leben das euch draußen erwartet, halten.“ Er hielt einen im Licht blinkenden Umschlag in die Luft. „Hier in diesem Umschlag steht das Ergebnis der Wahl zum Königspaar.“ Ein dumpfes Geräusch und ein leises knistern ertönte aus den Lautsprechern als der Direktor den Umschlag öffnete und dabei mit den Fingern auf das Mikro klopfte.


„Der König des heutigen Schulballs ist Marco Kessler. Applaus für Marco.“ Alle jubelten und klatschten. Niemand sonst außer Marco hatte eine ernsthafte Chance auf den Titel. Er war der beliebteste Junge und sein Vater ein überaus hohes Tier in der Stadt, der unter anderem auch die Schule finanziell unterstützt.


Marco sprang auf die Bühne, nahm eine Urkunde entgegen und ließ sich seine Schärpe umhängen. Er schien nicht wirklich überrascht zu sein. Das würde sich allerdings schnell ändern.


Der Direktor machte sich bereit und zupfte seine Krawatte zurecht.


„Nun braucht unser König natürlich noch eine angemessene Königin an seiner Seite. Ich spann euch nicht weiter auf die Folter. Königin des heutigen Schulballs iiiiist Mila Bauer.“ Plötzlich war alles still. Niemand regte sich. Keiner schien mehr zu atmen. Selbst der Direktor verlor die Fassung. Ich setzte einen überraschten Gesichtsausdruck auf und lief mit gesenktem Blick, aber innerlich grinsend, auf die Bühne. Nun stand ich dort, alle Blicke auf mich gerichtet. Die Frau des Direktors legte auch mir eine Schärpe um und setzte mir die Krone auf. Immer noch schien niemand zu atmen. Als erstes fand Marco, mein König, wieder zu sich und nahm meine Hand. Er zog mich zum Rand der Bühne und riss meine Hand mit seiner nach oben. Endlich regte sich etwas, es wurde wieder geatmet und nach und nach stimmten alle in den leise aufkommenden Applaus mit ein.


So fühlte es sich also an bewundert zu werden. Ich wusste das es keine ehrliche Bewunderung war, sondern eher eine erstaunte. Ich war das Unerwartete mit dem niemand rechnete. Aber ich stand im Mittelpunkt. Mein Wunsch hatte sich erfüllt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, ob es sich gut anfühlte oder nicht. Ich lies es einfach Geschehen.


Marco legte seinen Arm um meine Taille. Eine wunderbare Berührung, die unbekannte Gefühle in mir auslöste. Ein kribbeln durchzog mich von Kopf bis Fuß. Er führte mich die Treppe der Bühne hinunter, inmitten durch die Masse der anderen, die uns einen Gang freimachten. Ich nahm nur unbewusst die leisen und zögerlichen Glückwünsche wahr. Viel mehr fielen mir die verdutzten Gesichter auf. Die Köpfe meiner Mitschüler hätten auch große, bunte Fragezeichen sein können, so überrascht waren sie.


Marco und Ich standen nun in der Mitte der Sporthalle. Umzingelt von einem Kreis stiller Menschen. Das Licht ging aus und ein greller Spot wurde auf uns gerichtet. Ich kniff die Augen zu und blinzelte dann bis ich mich daran gewöhnt hatte. Die Musik setzte ein, Marco nahm meine Arme und legte sie um seine Schultern. Dann zog er mich zu sich heran, legte seine Hände an meine Hüften und fing an sich zu bewegen. Wir wiegten uns im Rhythmus der Musik. Nach kurzer Zeit ging der grelle Spot aus und nur noch das Funkeln der Discokugel umhüllte uns und den Saal.


Marco roch unfassbar gut und es fühlte sich toll an, seine starken Hände auf meinem Körper zu spüren. Ich blendete alles um mich herum aus. Ich stellte mir vor das nur wir zwei auf einer großen Blumenwiese unter dem Sternenhimmel stehen. Wie in den romantischen Büchern die ich so gerne las.


Ein poltern und Gebrüll aus der Ferne riss mich aus meiner Trance. Es kam immer näher. Schließlich identifizierte ich es als Stöckelschuhe die sich in unsere Richtung bewegten. Die Stimme stellte sich als Susan heraus, das beliebteste und schönste Mädchen der Schule. Als sie bei uns ankam, packte sie uns an den Armen und drückte uns auseinander. Marco stand der Mund offen und eine Falte zog sich auf seine Stirn, als er Susan böse anguckte. Gerade als er etwas sagen wollte, schmiss Susan mir die Wahlkarten vor die Füße, die sich auf dem Boden verteilten.


„Du hast die Wahl manipuliert!“ brüllte Susan.


Erschrocken öffnete ich den Mund und schloss ihn wieder. Wie ein Fisch unter Wasser. Ich konnte nichts mehr sagen. Ich schaute mich um und sah ich endlos viele enttäuschte und wütende Gesichter. Das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, stellte sich ein und wich dem schlechten Gewissen. Dann rannte ich weg.

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Kommentare: 8
  • #1

    Bibihexal (Freitag, 07 November 2014 23:37)

    Beides waren hammer Geschichten, auf das sie von dir
    geschrieben wurde, kam ich irgendwie als ich sie gelesen hatte,
    bei der Abstimmung sah ich dann das ich richtig gelegen
    hatte mit meiner Vermutung.
    Es gibt viele die in der Schule schon sehr früh leiden an Mobbing und Angriffen,
    es war nur eine Geschichte, aber für mich waren es Gefühle, die ich beim lesen gespürt habe, als wäre es auch so passiert zum Teil, so hast du es rüber gebracht.
    Emotion für mich viel Daumen nach oben!!!

  • #2

    Selina Kröger (Samstag, 08 November 2014 12:49)

    Ich kann dich beruhigen... Nichts davon ist je so passiert.
    Aber ich finds toll wenn es so rüber kommt :))

  • #3

    Bibihexal (Sonntag, 09 November 2014 13:12)

    Dann bin ich beruhigt, wenn du das schreibst, aber Hut ab
    du hast das so geschrieben, als wäre es so gewesen.

  • #4

    Selina Kröger (Sonntag, 09 November 2014 18:50)

    Mich mochten alle und die, die mich nicht mochten haben sich mit mir nicht angelegt, weil sie wussten, dass ganz viele hinter mir standen. Davon mal abgesehen, wusste ich mich damals auch noch zu wehren... Das wussten auch alle... Mein Ruf war, wie du ja weißt, nicht unbedingt der Beste ;)

  • #5

    Bibihexal (Mittwoch, 12 November 2014 22:03)

    Ist der Ruf erst runiniert lebt es sich recht ungeniert
    heißt es doch in einem Spruch , würd sagen der passt dann
    es muss einem egal sein oft was andere meinen von einem
    also ich kann mir ned vorstellen wie man dich nicht mögen sollte
    und ich bin auch immer an deiner Seite und steh zu dir :)



  • #6

    Selina Kröger (Freitag, 14 November 2014 15:16)

    Das war nen Lied ;)

    Es gibt genug Leute, die mich nicht mögen, aber das beruht dann auf Gegenseitigkeit...
    Und ich weiß ;)

  • #7

    Bibihexal (Sonntag, 16 November 2014 22:10)

    Ja, ich weiß kleene das es ein Lied war
    und nicht alles was kommt in den Geschichten dann auch so ist
    sicher mich mag auch ned jeder und eben nicht um andere scheren,
    ich mag auch nicht jeden, das geht ja auch gar ned lach.
    Gut das du es weißt, mir ist das ernst wenn ich so was sage und nun
    drücke ich dich mal.
    Deine Bibi

  • #8

    Selina Kröger (Samstag, 22 November 2014 14:26)

    Ich bin irritiert, was genau war jetzt ein Lied?

    Aber es ist doch oft so, dass man Menschen nicht riechen kann. So ist das eben. Das Leben meine ich. Mir ist es ehrlichgesagt auch egal. Solange man selbst weiß, wer man ist, ist alles andere egal ;)