© liegt bei Selina Kröger

und

Amara7


Nr. 1


Die Trauerweide


„Christa Muster war 45 Jahre als sich ihr Leben schlagartig änderte. War sie vorher noch eine lebenslustige und selbständige Frau gewesen, die mit beiden Beinen fest im Leben stand, änderte dieser Moment einfach alles. Sie hatte bis dahin ihren Mann Jonas und ihre 4 Jahre alten Zwillinge zu Grabe getragen, hatte den Bankrott ihrer Firma erlebt, ihren zweiten Mann an ihre beste Freundin verloren und doch hatte sie gekämpft. Sie hat weiter gelebt und auch wieder vertraut und geliebt und war für die Familie da, eine liebe Schwerster, liebe Schwägerin und herzensgute Tante. Sie war da wenn man sie brauchte und sie war eine Kämpferin, bis zu jenem schicksalhaften Tag. An ihrem 45. Geburtstag organisierte sie eine große Feier, an dem einzigen Ort an dem sie ihren Kindern wieder nah sein konnte.


Als diese noch lebten ging sie mit ihnen immer wieder an einen abgelegenen kleinen Fluss. Dort stand ein Baum, eine Trauerweide um genau zu sein und setze sich mit ihnen Stunden lang darunter. Sie alle drei liebten das Wasser und die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlte. Dieser Ort, so hatte sich Christa gedacht, war perfekt um ihren Tag zu Ehren und ihren Kindern nahe zu sein. Sie hatte alles bis ins kleinste Detail geplant und die Feier wurde grandios. Es war klar, dass niemand ihrer Freunde und Familie diesen Tag vergessen würde, nur ihr selbst wurde alles zu viel und sie zog sich zurück ans Wasser unter die Trauerweide, um ihren Kindern wieder nah zu sein. Stunden vergingen ohne dass jemandem das Fehlen von Christa auffiel und in diesem Moment, der ihr eigentlich Ruhe und Stille bringen sollte, passierte das Unfassbare. Der Baum, der ihr all die Jahre Trost und Halt gegeben hatte wurde nicht mehr von seinen Wurzeln getragen und stürzte auf Christa nieder.

Durch den Lärm alarmiert, liefen die Gäste aus dem aufgebauten Zelt um nachzusehen was passiert war, doch für Christa kam jede Hilfe zu spät. Sie lebte zwar noch und die Ärzte versuchten alles um sie zu retten, was ja in gewisser Weise auch gelang, aber sie konnte nie wieder die Alte werden. Die Trauerweide hatte ihr beim Sturz die Wirbelsäule zertrümmert und das Gehirn irreparabel geschädigt. Von diesem einen Moment an war alles anders.


Wir, die Familie liebten sie noch genauso wie vorher und sie spürte es, da bin ich mir sicher, aber sie selbst konnte nicht mehr zu uns durchringen. Nun, nach weiteren 45 Jahren hat sie es dann endlich geschafft. Ihre Qualen über die Jahre mit anzusehen und zu erleben wie hilflos sie mittlerweile geworden war, war für uns alle schwer zu ertragen. Nicht weil wir sie nicht mehr liebten, sondern grade weil wir sie so sehr liebten. Ihren Schmerz zu sehen und ihn erleben zu müssen, war das Schlimmste für uns alle.


Jetzt endlich konnte sie Ruhe finden und ich bin mir sicher, dass sie nun endlich wieder mit ihrer Familie vereint ist. In diesem Moment wohl, wird sie zuschauen und mit ihren Zwillingen zusammen die Liebe in diesem Raum spüren. Liebe Schwester, wir lieben dich und wünschen dir eine gute Reise ins Himmelsreich. Machs gut, wir werden dich vermissen.“

Mit Tränen in den Augen beendete Hedwig ihre Grabrede. Sie war noch nie gut darin gewesen die richtigen Worte zu finden, aber für ihre Schwester hatte sie das gerne übernommen. Die Beerdigung fand am 20.02.10 statt und sie wusste, dass Christa in diesem Moment bei ihr war. Sie konnte sie spüren und sie wusste, dass es ihr dort wo sie nun war besser ging. Sie konnte wieder sie selbst sein und würde in einer anderen Welt, das Leben führen, dass Hedwig ihr immer gewünscht hatte. Zusammen mit ihrer Familie, in einer Welt voller Liebe und Zufriedenheit.


Nr. 2


Fast ein Jahrhundert


Die kleine Christa wurde 1920 in eine harte Welt der Armut und des Verzichts geboren; es war die Zeit zwischen den Kriegen. Umso mehr erstaunt es, dass sie von einem so fröhlichen, optimistischen Wesen war, angefüllt mit Tatendrang und Lebensmut. Sie lebte mit ihren Eltern in einer kleinen Stadt im Westen Deutschlands, nahe der französischen Grenze. Als Kind verbrachte sie jede freie Minute draussen am Waldrand und in den Blumenwiesen, um essbare Kräuter, Beeren und Nüsse zu sammeln, was die kargen Suppen und Grützen etwas nahrhafter machte. Ihr Lachen schallte durch die kleine, bescheiden eingerichtete Stadtwohnung und oft konnte sie damit ihre meist kränkliche, hungrige 6 Jahre jüngere Schwester Karin aufmuntern.

Mit ihren kräftigen rotblonden Locken und den fröhlichen grünbraunen Augen, gefiel Christa auch so manchem jungen Mann. Doch sie wies die zahlreichen Verehrer sittsam zurück, bis sie mit 18 Jahren Sebastian über den Weg lief. Christa sammelte damals tief im Wald Eicheln auf, die sie entbittern und zu Mehl mahlen wollte, als der dunkelhaarige, ebenfalls grünäugige Sebastian mit einer Gruppe von Pfadfindern über die Lichtung gestolpert kam. Sie grüssten sich, sahen sich in die Augen und tauschten einige Worte aus, da war es geschehen! Es war für beide Liebe auf den ersten Blick, doch sie waren schüchtern und verabredeten sich erst nach Wochen zu einem Tee in einem kleinen Café. Sie erzählten sich viel über ihr Leben. Bald erkannte Christa, dass auch Sebastians Energie und Lebensmut kaum zu bremsen war. Er wollte Architekt werden und die Welt bereisen. Doch zuvor musste er noch 2 Jahre zur Armee gehen. So nahm die Liebe ihren Lauf, wie sie es zu dieser Zeit tat, langsam und keusch.

Doch es nahte ein Scheusal, mit dem niemand gerechnet hatte. Es brach ein weiterer Krieg aus im noch vom letzten Krieg geschwächten Europa. Gerade als Sebastian langsam den Mut aufgebracht hatte, um Christas Hand anzuhalten bei ihrem strengen, verbitterten Vater, der im 1. Weltkrieg ein Bein verloren hatte, wurde er an die Front beordert. Christa hatte grosse Angst um ihn, ihr Vater hatte ihnen viel Schreckliches erzählt über den Krieg und den Kampf in den Schützengräben. Doch sie verlor auch in dieser Situation nicht ihren Lebensmut und arbeitete als Krankenpflegerin. Bald wurde sie in einem Lazarett beschäftigt. Welche Gräuel sich ihr da boten, kann man sich kaum vorstellen. Der Krieg nahm seinen Lauf, doch nicht nur an der Front, auch im Landesinnern herrschte Verfolgung und Wahn. Sebastian wurde in Frankreich leicht verwundet durch Granatensplitter und kam für kurze Zeit nach Hause, bis sich sein verletztes Bein wieder erholt hatte. Da beschlossen er und Christa, sofort zu heiraten, weil die Zeiten so unsicher waren. Sie mussten ihre arische Abstammung nachweisen, dann konnte die Zeremonie schnell und ohne grosse Feierlichkeit abgehalten werden. Sie wurden Mann und Frau, doch schon nach 3 kurzen Wochen in der winzigen gemeinsamen Wohnung, die Sebastian für sie besorgt hatte, kam ein Schreiben, dass Sebastian wieder an die Front müsse. Diesmal zog er mit seinem Regiment nach Polen. Er schrieb seiner Christa alle zwei Wochen einen langen Brief, doch einige davon fanden nie den Weg zu ihr. Sie wartete bange auf neue Nachrichten und bei jedem Lebenszeichen schlug ihr Herz schnell in ihrer Brust und die Erleichterung war ihr anzusehen.

So verging ein weiteres Jahr, es wurde Sommer, dann färbten sich die Bäume gelb und rot. An einem kühlen Oktobertag kam wieder ein Brief mit Sebastians Handschrift und Christa riss ihn ungeduldig auf. Doch da standen nur einige hastig hin gekritzelte Sätze. „Meine liebste Christa, Wir müssen weiter nach Russland vordringen in Richtung Stalingrad. Mir bleibt kaum mehr Zeit zu schreiben. Das Leid hier ist unermesslich, viele Kameraden sind gefallen. Doch wir sollen hoch in den Norden und es wird so kalt. Vielleicht kann ich dir lange nicht schreiben, aber ich denke an dich, unentwegt, und diese Träume wärmen mich. Ich liebe dich, mein Augenstern! Warte auf mich und glaube an meine Liebe. Ich werde wiederkommen, min Herz, ich verspreche es dir! In Liebe, Sebastian“ Christa liefen Tränen über die Wangen, denn so verzweifelt hatte ihr Mann noch nie geschrieben. Es kam ein erbarmungsloser, eisiger Winter. Mit ihm versank das Land in Elend und Not. Christa versuchte, nicht in ihren Sorgen und ihrer Angst um Sebastian zu ertrinken und hoffte auf Nachricht von ihm. Doch es kamen keine Briefe mehr an. Der Frühling zog über ein zunehmend verwüstetes Land, dann folgte ein heisser Sommer, doch keine Nachricht von Sebastian. Christa wartete weiter, auch als der Krieg dem Ende zuging und sie mit den anderen Stadtbewohnern in die Wälder fliehen musste aus dem stark umkämpften und zerbombten Gebiet an der Grenze. Als die Alliierten gesiegt hatten, zogen sie und ihre Schwester wieder in die Stadt zurück. Die Häuser wurden wieder aus den Trümmern aufgebaut und man lebte wieder im Elend. Die Schuld begangener Gräueltaten lastete noch lange auf dem Land. Sebastian blieb weg und auch keine Nachricht über seinen Tod hatte sie erreicht. Christa hatte sich natürlich alle möglichen Szenarien ausgemalt, immer und immer wieder. Ihr Mann konnte tot, schwer verwundet oder in Gefangenschaft sein. Doch warum hatte man ihr nie Bescheid gegeben? Vielleicht war er desertiert oder er hatte sich neu verliebt und würde sich weit weg von der zerstörten Heimat ein neues Leben aufbauen. Aber sie wusste, dass er sie nie im Stich lassen würde, er liebte sie. Die Situation war zermürbend und ihre Schwester und Freunde versuchten, Christa vom Unvermeidlichen zu überzeugen: Er war gefallen und seine Leiche war nie gefunden worden. Doch Christa beharrte darauf, dass er noch lebte. Sie fühlte es tief in ihrem Herzen und wollte weiter auf ihn warten. Sie lebte alleine in einer kleinen Wohnung mit Garten. Jegliche Annäherungsversuche von Verehrern lehnte sie vehement ab. Sie wollte ihren Sebastian nicht ersetzen mit einem anderen Mann, es gab keinen Platz mehr in ihrem Herzen. Er hatte ihr in seinem letzten Brief geschrieben, dass er wiederkommen würde und sie glaubte auch noch nach Jahren fest daran. Ihre Schwester hatte geheiratet und war weit weg gezogen, in ein anderes Bundesland. Sie sahen sich nur selten, doch Christa versuchte, ihre Nichte und den Neffen hin und wieder zu besuchen. Sie arbeitete weiter als Krankenschwester und lebte lange zurückgezogen und allein, bis eines Tages Ende der 60er Jahre ein neuer Verehrer auftauchte!

Ein noch junger, rabenschwarzer Kater mit glänzendem Fell und grüngelben Augen sass vor ihrer Terrassentür und miaute lange und klagend. Sie konnte das nicht mit anhören, liess den Kater in die Wohnung und stellte ihm zwei Schälchen mit gekochtem Hackfleisch und Wasser hin. Er frass das Futter, strich Christa um die Beine und sprang dann mit einem Satz auf ihren Schoss, wo er sich einrollte und schnurrend einschlief. Christa mochte den zugelaufenen Kater sehr gern und nachdem sie keinen Besitzer ausfindig machen konnte, beschloss sie, ihn zu behalten. Sie taufte ihn auf den Namen Sebastian, er hatte immerhin fast dieselbe Augen- und Haarfarbe. Der Kater hatte sie als Frauchen adoptiert und sie genoss es, nicht mehr ganz alleine in der Wohnung zu sein. Sie redete mit ihm fast wie mit ihrem Mann früher, konnte ihm ihre Erlebnisse und ihre Probleme mitteilen.

Eines Morgens klingelte der Postbote an Christas Tür und streckte ihr einen blassgelben Briefumschlag entgegen. Christa stöhnte erschrocken auf und schlug die Hände vorm Gesicht zusammen. Der Umschlag war mit einer sauberen Handschriftbeschriftet, die sie sehr gut kannte. Es war Sebastians Schrift, die sie so oft auf den Briefen von der Front freudig erblickt hatte. Sie konnte sich nicht täuschen, aber wie war das möglich? Was bedeutete das? Zitternd und ängstlich öffnete sie den Brief und las die Zeilen mit zunehmender Verwirrung.

Zwei Tage später ging Christa mit schnell pochendem Herzen durch den Stadtpark und schaute sich suchend um. Sie konnte es nicht glauben, es war einerseits zu schön, um wahr zu sein, aber sie hatte auch Angst vor dem, was nun kommen würde. Sie ging unter den blühenden Linden entlang und da sah sie ihn! Im Schatten auf einer Bank sass ein Mann und schaute sich suchend um. Sie ging auf ihn zu und als sie ihm in die Augen blickte, erkannte sie ihn. Es war Sebastian, um viele Jahre gealtert, aber mit dem gleichen, unternehmungslustigen Funkeln im Blick wie damals im Wald, 1938. Christa setzte sich zu ihm und erst schauten sie sich nur in die Augen, dann schlossen sie sich in die Arme und liessen sich minutenlang nicht mehr los. Sebastian hatte schon in seinem Brief erklärt, was geschehen war und erzählte ihr nun ausführlich davon, was in Russland damals passiert war.

Er war bei einer Schlacht gegen Kriegsende schwer verwundet worden. Sein Kopf hatte eine tiefe Schramme und seine Kompanie liess ihn auf dem Schlachtfeld liegen, da nur wenige überlebten und fliehen konnten. Doch ein russischer Bauer hatte ihn dort gefunden, bemerkt, dass er sich noch bewegte und er wurde über Monate hinweg auf einem kleinen Bauernhof gesund gepflegt. Als er wieder zu sich kam und klar denken konnte, hatte er alles, was vor der letzten Schlacht geschehen war, vergessen, er hatte keinerlei Erinnerungsvermögen mehr. Sebastian arbeitete auf dem kleinen Bauernhof der Familie, die ihn aufgenommen hatte und half mit, das verwüstete Gebäude wieder aufzubauen. Er hatte keine Ahnung, wo er sonst hingehen sollte, konnte sich an keine Heimat erinnern. Nach einigen Jahren heiratete er die Bauerntochter Irina. Sie hatten sich langsam aneinander gewöhnt, aber Sebastian konnte sie nie von ganzem Herzen lieben. Es fühlte sich an, als ob sein Herz schon anderweitig besetzt wäre. Er konnte sich nicht erklären, warum das so war. Er lebte mit seiner neu gewonnenen Familie auf dem kleinen Hof. Das Paar blieb kinderlos und nach einigen Jahren Ehe wurde Irina schwer krank und verstarb. Erst lange Zeit nach ihrem Tod gaben ihm die alten Bauersleute einen Beutel mit Sachen, die er damals, als sie ihn schwer verletzt gefunden hatten, bei sich gehabt hatte. Darin fand er einen Brief an Christa und ein verblichenes altes Foto von ihr. In diesem Moment kam die Erinnerung zurück, ganz langsam und stückweise, aber er konnte sich bald alles wieder zusammenreimen. Er hatte dafür gesorgt, dass die alten Bauersleute Hilfe auf ihrem Hof hatten und alleine zurecht kamen. Dann war er endlich zurück nach Deutschland gereist, in seine alte Heimatstadt, die sich aber so stark verändert hatte, dass er sie kaum wieder erkannte. Er hatte nach Christa gesucht und als er sie endlich ausfindig gemacht hatte, den Brief an sie geschrieben.

Und hier sass er nun neben ihr und war untröstlich, dass er sie so lange hatte warten lassen und alles so gekommen war. Christa liefen die Tränen über die Wange, doch sie war unendlich glücklich. Sie hatte immer gewusst, dass Sebastian noch lebte und das Schicksal hatte ihn nun endlich wieder zu ihr geführt. Sie ging mit ihrem Mann nach Hause und nun hatte sie zwei Sebastians, die sich an sie schmiegten und denen sie viel zu erzählen hatte. Wenn sie „Sebastiaan!“ rief, kamen meist beide mit fragendem Blick ins Zimmer und sie lachte glücklich.

Viele Jahre später starb der schwarze Kater Sebastian und im Jahr nach dem Jahrtausendwechsel beerdigte sie ihren geliebten Mann, nachdem sie viele Länder gemeinsame auf Reisen erkundet hatten. Mit 87 Jahren wurde sie selbst schwer krank, bis sie mit 90 Jahren ihrer Krankheit erlag. Doch sie hatte ein erfülltes Leben gehabt und eine Liebe erlebt, die andere oft ein Leben lang vergeblich suchen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Bibihexal (Freitag, 07 November 2014 23:32)

    Ein Duell auf voller Augenhöhe, mir gefiel deine Geschichte
    und wie du es rüber gebracht hast, ich war gefangen und habe
    dir auch meine Stimme gegeben, ich mag auch Trauerweiden :)