Über Tausend Leben

 

Da stand sie nun, wieder vor dieser Entscheidung. Einsam blickte sie auf die Scherben zurück die sie in diesem Leben hinterlassen hatte und stellte sich wieder die alles entscheidende Frage: Wem sollte sie die Chance auf ein normales Leben diesmal nehmen? Sie musste sich beeilen, denn die Sirenen der herannahenden Polizei waren schon deutlich zu hören und wenn sie noch länger zögern würde, hätte sie wohl keine Wahl mehr und müsste ihren derzeitigen, vorbelasteten Körper behalten. Ein letztes Mal ging sie durch das fast leere Lagerhaus und sah sich die leblos am Boden liegen Menschen an. Dieses Mal war sie wirklich zu weit gegangen, denn selbst das blonde Lockenköpfchen, das sie heute Morgen noch so lieb umsorgt hatte, lag leichenblass vor ihren Füßen. Ihre Entscheidung war gefallen…

 

„… Ja aber wenn ich es ihnen doch sage. Ich habe nichts getan, das muss ein Irrtum sein, ich verstehe das alles nicht…“, traurig blickte die festgenommene zu Boden. „Sie hat uns alle angegriffen und ich war so gut wie tot. Mehr weiß ich doch auch nicht.“ Der Polizist zog die Handschellen, um kein Risiko mehr einzugehen, etwas enger und schubste die rothaarige Frau in Richtung Auto. „Sie brauchen mir gar nichts mehr sagen, schauen sie sich doch um.“ Dabei wies er mit seinem Finger in die Runde und auf die leblos am Boden liegenden Körper. „Sie haben weiß Gott genug angerichtet.“ „Aber ich habe doch gar nichts getan.“, beteuerte sie weiter. „Das war diese Frau. Wie könnte ein Kind wie ich, bitte so ein Massaker anrichten?“ Verdutzt blickte der Polizist die Frau an und musterte sie von oben bis unten. „Meine Liebe, sie sind ja alles. Aber ganz sicher kein Kind. Ich weiß nicht welcher Teufel sie geritten hat, aber die Beweise sind eindeutig. Sie haben diese Menschen auf dem Gewissen. Glücklicherweise konnten wir zumindest das Mädchen noch retten, auch wenn diese nun keine Familie mehr hat.“ Im selben Moment fuhren die Sanitäter mit einem kleinen blonden Mädchen auf einer Barre vorbei und der rothaarigen Frau wich sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Bevor der Polizist auch nur reagieren konnte, sackte sie in sich zusammen und ging bewusstlos zu Boden. Der Transport ins Gefängnis erwies sich dadurch als ausgesprochen einfach.

 

„… Alles wird gut meine Kleine. Verrätst du mir deinen Namen?“ Der Sanitäter im Krankenwagen war wirklich ein ganz Fürsorglicher. „Betzy“, flüsterte das kleine blonde Mädchen, als wenn sie Angst hätte zu laut zu sprechen. „Das ist aber ein schöner Name. Mach dir keine Gedanken meine Kleine, wir kriegen dich schnell wieder auf die Beine und dann geht’s dir auch wieder besser. Jetzt gebe ich dir erstmal eine kleine Spritze und gleich danach wirst du erstmal schlafen.“


Wenn er gewusst hätte wen er da wirklich behandelt, hätte er sich wohl kaum solche Mühe gemacht. Er setze ihr die Spritze und sie schlief auf der Stelle ein. So sah es zumindest aus. In Wirklichkeit aber überlegte Bernadett, denn so war nämlich ihr richtiger Name, wie sie am schnellsten wieder aus dem Krankenhaus heraus kam. Sie hatte ja keine Verletzungen und unter Schock stand sie ebenfalls nicht. Warum auch, immerhin war sie es die den Menschen in dem Lagerhaus das angetan hatte. Diese Schübe überkamen sie einfach und dann brauchte sie Blut. Blut dass sie nur von den Menschen bekam und so riss sie ohne zu zögern den Menschen in ihrer Umgebung die Haut herunter und rammte ihre spitzen Zähne in ihre Hälse. Für gewöhnlich hatte sie sich relativ gut unter Kontrolle, doch in letzter Zeit war irgendetwas anders. Sie konnte sich nicht mehr kontrollieren und sobald es sie überkam setze ihr logisch denkender Verstand aus und sie wurde zum Tier. Erst im Nachhinein wurde ihr dann meist klar, was genau sie da wieder angerichtet hatte. Dieses Mal war es noch schlimmer als die Male davor. Das kleine Mädchen, in dessen Körper sie sich nun eingenistet hatte, war noch keine 10 Jahre. Sie hätte ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt und nun saß sie in einem Körper fest, der lebenslang in den Knast wandern würde. Das war einfach nicht richtig. Sonst hatte sie zumindest beim Körpertausch drauf geachtet, dass sie einen Menschen nahm der eine Strafe verdient hatte und nicht ein unschuldiges kleines Mädchen. Aber zu ändern war es jetzt auch nicht mehr.

 

Die Fahrt ins Krankenhaus dauerte keine viertel Stunde und die Untersuchungen waren auch schnell vorbei. Durch ihre Kräfte waren alle Wunden mittlerweile verheilt und nichts mehr von den schlimmen Verletzungen zu erkennen. Glücklicherweise hatte keiner der Sanitäter all zu genau hingesehen, sodass der schnelle Heilungsprozess niemandem aufgefallen war. Bernadett blickte sich in ihrem Krankenzimmer um. Dieses befand sich in der 5 Etage, also eindeutig zu hoch um mal eben aus dem Fenster zu flüchten. Auf dem Flur vor ihrem Zimmer stand ein bewaffneter Polizist in Zivil, also blieb ihr der Weg auch versperrt. Eine Weile überlegte sie und entschloss sich durch den Lüftungsschacht unbemerkt zu entkommen um sich so schnell wie möglich eine neue Familie zu suchen, bei der sie sich einnisten konnte. Vielleicht würde sie sich diesmal endlich unter Kontrolle halten können und somit eine wirkliche und wahre Familie finden bei der sie für immer bleiben konnte.

 

Ihre guten Vorsätze hielten nicht ganz ein Jahr, doch der neue Körper hatte einen unbemerkten Gehirntumor und beendete ihr Leben endlich, nach 2758 Jahren. Man könnte sagen, sie hatte ein erfülltes Leben.

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