Allein
der Liebe wegen

 

Wie jeden Morgen öffnete Luise verschlafen ihre Augen und nahm ihre Umgebung wie immer nur verschwommen wahr. Es war ihr als sei er noch an ihrer Seite, wie vor 20 Jahren, als er ihr den Kaffee liebevoll ans Bett brachte. Fast konnte sie den Kaffee riechen. Und gleich würde er vor Glück strahlend den Raum betreten und „Guten Morgen mein Liebling“ sagen. Doch die Tür blieb verschlossen und sie blieb allein. Langsam kroch sie aus ihrem Bett, zog sich ihre Schluppen an und machte sich auf dem Weg ins Badezimmer. Aus dem Spiegel blickte sie eine alte Dame an, in deren Augen der Schmerz und die Trauer der Vergangenheit so stark zu sehen war, dass sie ihn förmlich hätte greifen können.

 

„Was ein Leben….“, sprach sie und blickte dabei weiter in den Spiegel. Früher schlich er sich immer an sie heran und sie blickten beide gemeinsam in den Spiegel. „Siehst du es? Wir sind für einander bestimmt und wenn wir 80 Jahre alt sind, stehen wir immer noch gemeinsam vor diesem Spiegel. Und du wirst mich genau so verliebt ansehen wie du es heute tust. Und soll ich dir noch was sagen? Du wirst noch hübscher sein, als du es jetzt schon bist, denn die Erinnerung an unsere gemeinsame Liebe, wird dich jung und wunderschön machen.“ Seine Worte klangen in ihren Ohren und Tränen schossen in ihre Augen.

 

Einst war sie wunderschön und die Liebe zu ihm hatte ihr tatsächlich viel gegeben. Die Tage in den Mohnblumenfeldern machten sie glücklich und ließen sie wissen, wie sehr er sie doch liebte. Oftmals lagen sie bis spät in die Nacht zwischen den Blumen und blickten gen Himmel um die Sterne zu zählen und die Zeit beieinander zu genießen, weil er doch immer nur so kurz bei ihr bleiben konnte. Seine Arbeit als Seefahrer ließ es leider nicht zu dass er so oft bei ihr sein konnte, wie er es wollte da er immer wieder, teilweise wochenlang auf See war. Doch sie liebten sich und das war das Einzige, was wirklich wichtig war. Luise wischte sich die Tränen aus den Augen.

 

„Das ist vorbei!“, spie sie dem Spiegel förmlich entgegen. „Er hat dich vor fast 15 Jahren verlassen!“ Sie ging in die Küche und setzte einen Kaffee auf, während sie gleichzeitig ein Toast in den Toaster schob und sich ihre Wurst zu recht legte. „Er hat dich verlassen…“, schluchzte sie diesmal, während ihr wieder Tränen das Gesicht entlang liefen. Früher waren sie so glücklich gewesen als sie das Taost in den Toaster schob, suchte er die Wurst zusammen. Sie waren so ein gutes Team.

 

Zum Beispiel in den Flitterwochen in Ägypten. Ihre Liebe zueinander war so stark, dass sie auch andere daran teilhaben lassen wollten. Ihren Urlaub verbrachten sie also damit, verwahrlosten Kindern zu helfen, die in den ägyptischen Ruinen lebten und nichts zu essen hatten. Sie brachten ihnen Essen, Decken und andere Dinge die sie zum lebten brauchten. Drei Wochen blieben sie und halfen wo sie konnten. Sie hatten so ein Glück dass sie einander hatten. Doch auch diese wunderbare Zeit verging schnell und sie gingen zurück nach Hause. Sie in ihre Wohnung und er auf sein geliebtes Schiff.

 

Nachdem Luise ihr Frühstück verzehrt und sich die Spuren der Tränen aus ihrem Gesicht gewischt hatte, zog sie sich an und suchte alles zusammen was sie für ihren Einkauf brauchte, so wie sie es jeden Tag tat. Nachdem sie ihre Tasche überprüft hatte und sie feststellte dass sie nur noch ihren Regenschirm aus dem Schirmständer nehmen musste tat sie dies und ging aus der Tür. Aber nicht ohne noch einen Blick in Richtung Bildergalerie zu werfen. Sie hatte ihren Mann Gregor so sehr geliebt, aber er war weg und hatte sie alleine zurück gelassen. Mit jedem Tag fielen ihr die vielen Schritte zum nächsten Laden schwerer, sie war alt geworden und hatte nicht mehr so viel Kraft wie früher.

 

Das sahen auch die beiden Jugendlichen die ihr auf ihrem Weg entgegen kamen. „Schau mal Chrisi. Sie ist doch leichte Beute. Du willst zu mir und meiner Bande gehören? Dann los nimm ihr die Handtasche ab.“ Chrisi war grade mal 14 Jahre alt und hatte noch nie einem Menschen weh getan oder ihn gar ausgeraubt, aber er wollte dazu gehören. Also tat er es. Luise erschrak als der kleine, eben noch so lieb drein blickende Junge nach ihrer Tasche griff. „Nein.“, schrie sie. „Nein nicht meine Tasche. Junge das ist meine Tasche. Lass bitte los.“ „Nun komm schon mach nicht son Drama, mit der Alte wirste ja wohl locker fertig oder etwa nicht?“, schrie der Junge Chrisi an. Chrisi riss sich los und Luise fiel. Doch sie stand wieder auf und lief ihm mit letzter Kraft hinter her. „Meine Tasche Junge. Du darfst sie mir nicht nehmen, bitte.“, sie weinte und Chrisi zerriss es das Herz, denn er war kein schlechter Junge. Sein Kumpel hingegen war einer. Er holte aus und schlug Luise mit aller Kraft gegen den Kopf und sie blieb liegen. „Gregor verlass mich nicht, ich…“ Sie verstummte mitten im Satz und verstarb noch an Ort und Stelle.

 

Chrissi rannte so schnell weg, dass sein Kumpel nicht mal mehr Schritt mit ihm halten konnte, bis er am Meer angekommen war. Seine Gedanken hatten sich überschlagen und er war zu dem Schluss gekommen, die Tasche samt Inhalt ins offene Meer zu werfen um alle Spuren von sich abzulenken. Aber bevor er das tat, wollte er zumindest einen Blick riskieren um zu verstehen warum die alte Frau so an der Tasche hing. Alles schien ganz normal zu sein. Ein Portemonnaie, ein Regenschirm, eine Pillendose, ein Brillenetui eben Dinge einer alten Dame. Doch was war das? Ganz unten in der Tasche befand sich eine Dose und unter ihr ein kleiner zerrissener und wieder zusammengeklebter Brief mit vergilbter Schrift.

 

„Mein Liebling.
Ich möchte dass du weißt, wie sehr ich dich liebe. Wenn du diese Zeilen lesen wirst, bin ich vermutlich nicht mehr am Leben. Unser Schiff ist auf Grund gelaufen und das Funkgerät hat im letzten Sturm den Geist aufgegeben. Wir sitzen hier fest und warten darauf dass wir sinken. Aber in meinen Gedanken bin ich immer bei dir meine Liebste. Du bist und warst immer die Liebe meines Lebens. Ich weiß auf dich kommt nun eine schwere Zeit zu, aber glaube mir, ich bin immer bei dir. Egal was auch kommen mag, ich bin an deiner Seite und ich werde auf dich warten. Bitte meine Liebe, genieße dein Leben auch wenn ich nicht bei dir sein kann. Du bist alles was ich habe und ich will dass du glücklich bist.

 

In ewiger Liebe
Dein Gregor“

 

Chrisi standen die Tränen in den Augen, noch nie hatte er so eine schöne Liebeserklärung gelesen. Diese alte Dame wurde wirklich sehr geliebt. Neugierig nahm er danach die Dose in Augenschein. Vorsichtig trennte er den Deckel und sah hinein. „Was ist das denn bitte, warum trägt jemand Staub mit sich herum?“ Und in diesem Moment wurde es ihm schlagartig klar. Nicht nur die alte Dame wurde sehr geliebt, sondern auch sie hatte sehr geliebt. So sehr dass sie die Asche ihres Mannes immer bei sich trug und sie mit ihrem eigenen Leben verteidigte.

 

Mit dieser Erkenntnis lief er zurück an die Stelle wo Luise zu Tode kam, doch sie war schon abtransportiert worden und so beschloss er die Tasche zur Polizei zu bringen. Sicherlich würde eine Strafe auf ihn zu kommen, aber er musste die beiden Liebenden wieder zusammen bringen. Er stellte sich und händigte der Polizei die Tasche aus damit sie Luise´s und Gregor´s Asche zusammen bringen konnten. So eine Liebe darf einfach nicht getrennt werden. Chrisi bekam nur eine geringe Jugendstrafe und fand Jahre später ebenfalls eine solch große Liebe, sein Kumpel hingegen verbüßte viele Jahre hinter Gittern.

 

Luise und Gregor haben sich in der Ewigkeit wiedergefunden und waren nun endlich wieder vereint und glücklich.

 

 

 


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