Das blonde Mädchen

 

Luna war gerade zehn Jahre alt geworden, als sie mit ihren Eltern in ein kleines Haus in einen anderen Stadtteil zog. Der Umzug war ihr schwer gefallen, denn auch wenn sie nun nicht wesentlich weiter von ihren Freunden und ihrer Schule entfernt war, fühlte sie sich allein gelassen und von ihren Eltern missverstanden. Jedoch war die nicht das Einzige was sie quälte. Jede Nacht träume Luna den gleichen Traum:

 

Wie angewurzelt stand sie im Garten eines alten Herrenhauses, das sich rechts von ihr befand. Links neben ihr stand ein riesiger alter Baum und genau vor ihren Füßen war ein kleiner, aber tiefer Teich. Sie stand alleine, konnte sich aber nicht bewegen. Mit einem Male aber standen überall Menschen. Kleine und große, dicke und dünne. Sie fürchtete sich zu Tode, denn nicht einer dieser Menschen hatte ein Gesicht. Anstelle einer Nase, eines Mundes oder gar Haaren befand sich nur ein weißes Nichts. Immer noch stand sie wie angewurzelt an dem kleinen Teich und wusste nicht wie ihr geschah, als plötzlich und unerwartet einer dieser gesichtslosen Menschen aus dem Teich hinausgesprungen kam, sie packte und mit sich in die Tiefe zog. Sie ertrank und konnte spüren wie sie langsam aber sicher all ihre Lebensenergie verließ, und dann wachte sie auf und lag zu Hause in ihrem Bett.

 

Ganze drei Wochen träumte sie diesen Traum, bis sich etwas veränderte. Wie jede Nacht war sie an diesem Herrenhaus, doch stand sie nicht mehr wie die Nächte zuvor an dem kleinen Teich, sondern unter dem großen Baum. Ihre Stelle hatte ein anderes kleines Mädchen eingenommen, das nun mit ihren langen blonden Haaren und ihrem niedlichen blauen Trainingsanzug jede Nacht aufs Neue in die Tiefe gezogen wurde. Zu Beginn hatte Luna noch versucht dem Mädchen zu helfen, aber wie auch in ihren anderen Träumen zuvor konnte sie sich nicht von der Stelle rühren. Dies alles verfolgte Luna bis die Familie einige Wochen später wieder in ihre alte Umgebung zogen.

 

Sieben Jahre später. Luna war mittlerweile 17 Jahre und übernachtete zu dieser Zeit bei ihrem besten Freund. Erzählte ihr der Selbige von einer verlassenen Ruine in der Nähe der sechs-Seenplatte, wo es angeblich spuken sollte. Neugierig wie Luna war, setzte sie sich an seinen PC und fing an die Internetseiten nach diesem Haus zu durchsuchen. Kaum hatte sie die Internetseite gefunden, passierte auch schon etwas komisches: Mal abgesehen von der Tatsache, dass Luna das Gefühl hatte dieses Haus schon mal gesehen zu haben, sah sie mit einem Male in einem Fenster auf der rechten Seite im Obergeschoss, ein kleines blondes Mädchen in einem blauen Trainingsanzug. Schlagartig stockte sie und rief ihren besten Freund herbei, doch als sie wieder auf dem Bild blickte war dort niemand mehr zu sehen.

 

Von diesem Tag an war nichts mehr wie es war. Luna konnte sich nun wieder an ihren Traum erinnern und sie wusste dass es irgendetwas damit auf sich hatte. Nach einiger Zeit fuhr sie wieder zurück in die Gegend in der das Haus aus ihrer Kindheit stand und sie bekam ein ungutes Gefühl. Es machte den Eindruck, dass sie von etwas verfolgt wurde, etwas dunklem und bösen, aber weiter passierte nichts. Mit 18 Jahren zog sie von zu Hause aus und suchte sich ihrer eigenen Wohnung. Dort eingerichtet passierten immer wieder seltsame Dinge. Gegenstände die sich bewegten, die Katze die das Badezimmer anbuckelte, Licht das ausging wenn man den Wasserhahn anmachte usw. außerdem stellte Luna fest, dass sie Dinge vorhersehen konnte. Ihre Träume zeigten ihr den Weg. Und dass sie Menschen dazu bringen konnte Dinge zu tun die sie wollte.

 

Sie war eine Hexe, auch wenn sie niemand darauf hatte vorbereitet, stand die nun im Mittelpunkt ihrer eigenen, unglaublichen Geschichte. Sie fing an zu recherchieren und nach dem kleinen blonden Mädchen zu suchen. Dabei fand sie heraus, dass diese als Geist schon oftmals in der Nähe des Herrenhauses gesehen wurde und beschloss dem kleinen Mädchen zu helfen. Mit der Zeit lernte Luna ihre Kräfte einzusetzen und zu kontrollieren und traf auf ihrem Weg einige Druiden und Hexer die ebenfalls dabei waren diesem kleinen Mädchen zu helfen. Nach langem suchen und endlosen Nächten in denen Luna lernte und ihre Kräfte ausprobierte, war es dann so weit. Sie setzte sich mit einem anderen Hexer ins Auto und machte sich auf den Weg zu besagtem Herrenhaus.

 

Dort angekommen, mitten in der Nacht, konnte sie die Kleine in ihrem blauen Trainingsanzug genau erkennen. Sie stand im rechten oberen Fenster und sah Luna heraneilen, als sie von der Dunkelheit ergriffen wurde und verschwand. Luna begann zu rennen und stürmte blindlings durch den Eingang. Der Boden war morsch und es roch nach Schwefel. Wie in Trance rannte sie die Treppen hinauf in das Zimmer in dem sie das Mädchen hatte stehen sehen, doch niemand war dort. Chrisi der andere Hexer war ihr gefolgt, doch auch er konnte nichts in der Dunkelheit erkennen, bis ihn eine Vision ereilte. „ Sie ist weg Luna. Wir können nicht mehr machen, wir sind einfach zu spät.“, sprach er. Doch Luna wollte das nicht glauben. Ungewiss warum steuerte sie den Keller an, denn sie war sich einfach sicher, dass sie dort finden würde was sie suchte. Im Keller angekommen fand sie hinter einer losen Steinplatte einen Opferdolch.

 

Wer ihn dort platziert hatte oder wieso wusste sie nicht, aber dieser Dolch und da war sie sich sicher, war der einzige Weg die Kleine zu retten. Chrissi und Luna begaben sich zurück in das Zimmer aus dem sie grade gekommen waren und führten ein Ritual durch, das die dunkle Gestallt herbeirufen sollte. Mit dem Opferdolch in der rechten Hand, bereit zuzustechen und die Sache zu beenden, stand Luna da und erwartete das Unerwartete. Das Schattenwesen aber tauchte nicht im gezogenen Kreis auf, sondern hinter Chrissi und nahm ihn in besitz. Ohne nachzudenken stieß Luna zu.

 

Vielleicht hatte sie die Hoffnung das Chrissi den Stich überleben würde, aber das tat er nicht. Chrissi starb noch im selben Moment wie der Dolch in sein Herz stieß und nahm die Dunkelheit mit sich. Das Mädchen und alle anderen geschundenen Seelen waren frei und konnten endlich ins Jenseits gehen. Luna verlor einen Freund, aber rettete hunderte gefangene Seelen. Sie würde es immer wieder tun.

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Kommentare: 1
  • #1

    xcornix (Freitag, 02 Mai 2014 15:53)

    Eine ganz tolle Geschichte Selina