Der Fall Zoe Blinger

 

"Wie lange ist sie nun schon so?“ Derek blickte durch den zweiseitigen Spiegel auf das am Boden sitzende kleine Mädchen. Zoe war vor einer Woche 10 Jahre alt geworden, doch eine Feier blieb aus. Regungslos saß sie in der Ecke des Verhörraumes und zitterte unaufhörlich. In all den Jahren die Derek nun schon bei der Polizei arbeitete, war ihm so ein Fall noch nicht untergekommen. Doch die Kleine lebte und das war alles was er wissen musste. Genaugenommen wusste er auch nicht mehr. Sie hatten sie in der letzten Stunde an einer Straße außerhalb von Taxor gefunden. Ihre Klamotten hingen in schlaffen, blutigen Strähnen von ihrem Leib herunter, sie zitterte, aber sie sprach kein Wort. Kein einziges.

„Zoe? Bist du nun so weit?“ Ihre Mutter rief sie nun zum wiederholten Male, doch Zoe ließ sich Zeit. Immerhin war heute ihr Geburtstag. Es war ihr Tag und alle würden auf sie warten. Sie zog sich langsam an und bewunderte ihr tolles neues Kleid, dass sie von ihrer Mutter schon am Morgen bekommen hatte. Ihre Familie liebte sie und war immer darauf bedacht, ihr alles möglich zu machen. Ihre Mutter hatte schon vor Wochen angefangen die Feier zu planen und ihr einen schönen Geburtstag zu bescheren. Sogar ein eigener Clown war mit dabei und Ponyreiten, weil sie sich das so sehr wünschte. „Zoe?“, erklang es wieder aus dem Flur. „Ja Mum, ich komme sofort.“, rief sie zurück und machte sich auf den Weg nach unten. Alle ihre Freunde waren da um mit ihr zu feiern und wie sie es wollte, warteten alle nur auf sie. Sie liebte es im Mittelpunkt zu stehen und genoss die ungewöhnliche Aufmerksamkeit. Alle Blicke waren auf sie gerichtet, als sie langsam und bedächtig die Treppe herunter stolzierte. Sie sah toll aus in dem Kleidchen, dass ihre Mutter ausgesucht hatte und passend zum Anlass, hatte sie etwas Schminke aufgelegt. Eigentlich war sie ja noch zu jung dafür, das wusste sie, aber heute an ihrem Geburtstag, hatte sie ausnahmsweise die Erlaubnis dazu bekommen. Sie sah wunderbar aus und bescherte ihr Staunen von allen Seiten.

Die erste Zeit verlief alles wie eben auf einem ganz normalen Kindergeburtstag. Die Feier war riesig und Zoe hatte den schönsten Tag ihres Lebens. Als der Clown seine Show hinter sich gebracht hatte und alle Kinder anfingen sich über die Torte her zu machen, lief Zoe ihm aber hinterher und verschwand mit ihm in seinem Auto. Sie liebte Clowns, doch an diesem Tag sollte sich das ändern.

Kaum dass Zoe zu ihm in den Wagen gestiegen war, wusste sie dass es ein Fehler gewesen war. Es blieb ihr noch eine Schrecksekunde ehe sie in einen tiefen Schlaf fiel. Sie konnte einfach nicht mehr reagieren, als ihr der Mann hinter der Clownsmaske ein in Chloroform getunktes Tuch vor den Mund hielt. Das verschaffte ihm die Zeit, die er brauchte um unbemerkt vom Gelände und in sein Versteck zu kommen. Bis Zoes Verschwinden bemerkt wurde vergingen gut 2 Stunden.

Als Zoe die Augen wieder öffnete, war es dunkel und kalt. Ihr eben noch so wunderbar ausschauendes Kleid hing fast nur noch in Fetzen. Sie hatte Schrammen und ihr Kopf dröhnte schrecklich. Sie hatte keine Orientierung und sie hatte Angst. Angst vor der Dunkelheit, dem Ort an dem sie war und der kommenden Zeit. Sie wusste nicht wo sie war, oder was der Clown mit ihr vorhatte. Sie wusste nur eines mit absoluter Sicherheit: Sie war nicht mehr zu Hause und es war richtig Angst zu haben.

Tage verging ohne das irgendwas passiere oder sich etwas regte, also beschloss Zoe sich ein wenig umzusehen. Es war dunkel, teilweise so schwarz, dass sie nicht mal ihre Hand vor Augen sah, aber sie war tapfer und kämpfte sich in der Dunkelheit durch den vor ihr liegenden Raum. Der Boden war uneben und hatte die Konsistenz von Sand. Die Wände waren kalt und rau und erinnerten eher an eine Außenwand als an einen Raum und eine Tür oder ein Ausgang war nicht zu erfühlen. Nach einer Weile setze sie sich resignierend wieder auf den feuchten Boden. Sie weinte um ihr Leben, sie rief um Hilfe und schrie, doch niemand schien sie zu hören. Bis sie ein Geräusch wahrnahm und grelles Licht in ihre persönliche Hölle einbrach.

Er löste das Schloss der alten Bodenklappe, um zu ihr zu kommen. Sie war so schön in dem einfallenden Licht. Ihre Augen öffneten und schlossen sich, aber er war sich sicher, dass sie ihn nicht erkennen konnte. „Können Sie mir helfen?“, winselte sie vor sich hin, in der Hoffnung, dass der Mann der vor ihr stand gekommen war um ihr zu helfen. Dies steigerte seine Lust auf sie aber noch mehr. Das hilflose Kind, das um Hilfe bettelte. Bis er sich nicht mehr zurück halten konnte. Er benutzte und beschmutzte sie und zerbrach ihre kleine Seele. Als er fertig war, schmiss er sie zum sterben zurück in das Loch und ging. Irgendwann wenn sie nicht mehr lebte, würde er zurückkommen und ihren kleinen Körper verbrennen. So wie er es die Male zuvor auch getan hatte.

Zoe aber war kein gewöhnliches Kind. Ihr kleiner geschundener Körper brannte an fast allen Stellen, aber sie war nicht bereit aufzugeben. Er hatte sich ihrer angenommen. Hatte sich ihrer Kindheit, ihre Unschuld bemächtigt und sie zerstört. Er hatte sie zum sterben zurückgelassen, das wusste sie und sie hatte Todesangst, aber grade deshalb konnte sie nicht aufgeben. Mehrere Male war sie wieder in Ohnmacht gefallen, weil sie den Schmerz nicht ertragen konnte, aber sie kämpfte um ihr Leben und gewann. Irgendwann öffnete sie ihre Augen und setzte sich in ihrem Loch auf. Sie weinte. Weinte um alles was sie in diesen Tagen verloren hatte. Sie wusste nicht wie lange sie dort nun gelegen hatte, oder wie sie nach Hause finden sollte, aber nachdem sie alle Tränen vergossen hatte, stand sie auf und versuchte die Lucke über ihrem Kopf zu öffnen. Sie war zu ihrer Verwunderung nicht abgeschlossen, aber sie machte sich keine Gedanken sondern kletterte um ihr Leben. Kaum hatte sie ihre Hölle verlassen, sah sie sich um. Sie befand sich in einem kleinen Wald und lief los. Sie lief als gebe es kein Morgen und als sie es schon nicht mehr erhofft hatte, befand sie sich an einer kleinen Straße. Sie wusste noch immer nicht wo sie war, aber sie wusste dass sie es geschafft hatte. Mit diesem Gedanken brach sie in sich zusammen.

Als sie wieder aufwachte, waren ihre Wunden bereits versorgt und sie befand sich in einem kleinen grauen Raum mit einer riesigen Spiegelfront. Sie hatte sich auf den Boden gesetzt und die Beine an sich herangezogen, als eine schlaksige Frau den Raum betrat. Sie redete freundlich auf sie ein, aber Zoe erwiderte nichts. „Deine Eltern werden gleich hier sein“, erschallte es noch in ihren Ohren, als die Frau den Raum auch schon wieder verlassen hatte.

„Wie lange ist sie nun schon so?“ Derek blickte durch den zweiseitigen Spiegel auf das am Boden sitzende kleine Mädchen. „Seit sie hier ist.“, erklang eine Stimme hinter ihm. „Seit sie wach ist, hat sie kein einziges Wort gesagt. Aber als sie Ohnmächtig war, nuschelte sie etwas von einem Clown. Die Fahndung ist bereits raus. Wir gehen davon aus, dass es der Clown von ihrer Geburtstagsfeier war. Das ist zumindest die einzige Spur die wir haben.“ Derek nickte. Er wusste, dass sie Zoe nicht zum Reden bekommen würden. Das Einzige was jetzt noch wichtig war, war dass sie wieder nach Hause zu ihren Eltern konnte. Den Rest würde er schon machen.

Ihre Eltern trafen einige Minuten später ein und nahmen Zoe mit nach Hause. Hier schlief sie Tag um Tag und versuchte ihre Qualen zu verarbeiten. Derek tat alles um ihren Schänder zu finden und schnappte ihn kurz hinter der Grenze. Als dieser zu seinem Loch zurückkehrte und es leer vorfand, wusste er dass er verschwinden musste, aber Derek war schneller und brachte ihn hinter Gitter, wo er seine gerechte Strafe bekam. Kinderschänder sind in keinem Knast der Welt gerne gesehen und deshalb bekam er was er verdiente.

Zoe hingegen konnte ihre Gefangenschaft nicht vergessen, aber sie konnte verarbeiten, was ihr angetan wurde. Sie würde nie wieder Kind sein, aber sie würde lernen mit ihrer Last zu leben und nach vorne zu sehen. Den Kampf um ihr Leben hatte sie gewonnen und das war der erste Schritt zurück in die Normalität.

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