Der Traum

 

>Wir teilen alle das gleiche Schicksal, jeder Einzelne auf diesem Gottverdammten Schiff wurde aus seiner Heimat vertrieben und gejagt. Nur wenige Überlebende haben wir auf unserer Reise bergen können und die Wenigen die wir fanden, befanden sich nun auf unserem Schiff. Sicher würde es unsere Reise erschweren, je mehr Leute wir bei uns hatten, aber wir konnten sie auch nicht einfach zum Sterben zurück lassen und unseren eigenen Dingen nachgehen. Auch wenn unsere Reise einen sehr wichtigen Hintergrund hat, aber dazu komme ich später. Zuerst möchte ich hier festhalten, wie wir in die jetzige Lage gekommen sind und dazu muss ich einige Jahre zurück gehen.

 

Vor knapp drei Jahren, es war Juli so weit ich mich erinnere, hat die Welt die wir kannten sich verändert. Erst waren es nur kleine Veränderungen, Dinge die einem vielleicht gar nicht bewusst waren. Immer mehr neue Arten von Blumen wurden entdeckt und Tiere veränderten sich genetisch. Dinge die einem normalen Menschen nicht mal auffielen, aber es was der Anfang vom Ende. Nicht nur, dass sich die Lebewesen der Erde veränderten, auch die „Schwingungen“ änderten sich. Etwas wie magische Aufladungen kreisten um die Menschen und Tiere und drohte alles in sich zu verschlingen. Ich ging der Sache nach, denn zu diesem Zeitpunkt gehörte ich noch zum Geheimdienst und hatte somit auch die Möglichkeit an streng vertrauliche Akten zu gelangen und einen Einblick zu bekommen, von dem was sich in der Welt tat. Was ich dann jedoch in einer dieser Akten zu Gesicht bekam, konnte ich einfach nicht glauben.

 

Edward Fletcher, ein Wahrsager aus L.A behauptete, er hätte ein Buch gefunden, das es ihm ermöglichen würde, die Welt mit Magie zu zerstören, wenn man ihm nicht gewisse Dinge erfüllen würde. In unserer Zeit glaubte man aber nicht mehr an Magie und Zauberer oder dergleichen, diese Dinge gehörten nicht zu unserem Wissenstand, denn nichts davon konnte je bewiesen werden und wie wir Menschen nun mal sind, glauben wir nur das was man auch wissenschaftlich beweisen kann. Die Akte wurde also zur Seite gelegt und verschwand im Untergrund, zumindest bis ich sie in die Finger bekam. Sicherlich war ich kein abergläubischer Mensch, aber bei dem was ich alles schon gesehen hatte, war ich mir nicht so sicher dass dieser Mann einfach nur ein Verrückter war und damit sollte ich Recht behalten.

 

Die Welt veränderte sich immer mehr, mittlerweile waren auch Menschen von den Genveränderungen betroffen und ganze Städte mussten abgeriegelt werden, damit sich die Mutationen nicht noch weiter ausbreiteten. Gebracht hatte dies jedoch nichts. Innerhalb von 4 Wochen, flogen Drachen über unseren Köpfen hinweg, Häuser begannen zu wandern und Bäume fingen an zu sprechen und es konnte niemand mehr abstreiten, dass es sowas wie Magie gab. Die Erde wie wir sie kannten, war untergegangen und nun begann ein Neues Zeitalter das wesentlich härter und gefährlicher war als das Vorangegangene. Die Magie breitete sich langsam aber sicher über die ganze Welt aus und das Böse übernahm schnell die Überhand. Die Menschen, die sowieso eher zum Bösen tendierten, wurden allesamt überrannt und konnten nur noch versuchen sich zu verstecken um nicht auch noch gefressen oder getötet zu werden. Ich tat das Selbe, aber nicht ohne mir vorher die besagte Akte zu besorgen.

 

Nachdem ich diese zu meinen Sachen in die Tasche steckte, machte ich mich auf den Weg zu Ingo, denn er hatte bereits einiges an Erfahrung mit Übernatürlichen Dingen und Wesen, sodass ich mir die gesuchte Hilfe von ihm erhoffte und ich hatte Recht. Innerhalb von ein paar Stunden, erklärte ich ihm die Situation, gab ihm die Akte und kramte ein paar lebensnotwendige Sachen zusammen. Er erklärte mir, dass er schon mal von diesem Buch, das Edward Fletcher erwähnte, gelesen hatte und es nur eine Möglichkeit gab, dem ganzen Spuk ein Ende zu setzten und das hieße, wir müssten uns auf den Weg machen, besagtes Buch zu finden und den letzten Satz auf der letzten Seite laut rückwärts vorzulesen.

 

Der Entschluss war schnell gefasst, es haperte nur ein wenig an der Umsetzung, denn wie sollten wir nach L.A kommen, wenn alles abgeschottet wurde? Wo Edward Fletcher finden und wie ihm das Buch abnehmen? Ach wir würden schon einen Weg finden meinte Ingo und wir machten uns auf den Weg, klauten ein riesiges Schiff und umsegelten die Küsten. Auf der Suche nach einem Buch. <

 

Mittlerweile hatten wir an der 50. Küste angelegt, in der Hoffnung dass wir dieses Mal mehr Erfolg haben würden als in den letzten drei Jahren und endlich eine Möglichkeit finden würden die Welt zu retten. Wir hofften einfach das Beste, denn aus irgendeinem Grund hatten wir mittlerweile sogar zwei Kinder an Bord und diese sollten nicht in einer Welt leben, in der sie jeden Tag damit rechnen müssten doch noch von einem dieser Monster gefressen zu werden. Eine Welt in der es heißt „Fressen oder gefressen werden“ denn immerhin waren sie noch Kinder.

 

„Julie kommst du bitte wir wollen los“, hörte ich es durch meine verschlossene Kajütentür hallen und erschrak aus meinen Gedanken. Ich legte meinen Stift zur Seite, den ich bis eben noch benutzt hatte um unsere Geschichte niederzuschreiben und dabei fiel mir wieder ein, dass wir an diesem Morgen schon in der Frühe los wollten, um den ganzen Tag ausnutzen zu können. Keiner wusste, was uns auf dem Festland erwartet, denn immerhin waren wir schon seit Wochen auf hoher See und wenn man bedachte, wie schnell sich alles veränderte, hätte uns im Prinzip alles erwarten können.

 

Ich erhob mich aus meinem Stuhl und suchte meine Waffen zusammen um dabei leider festzustellen, dass ich keine Munition mehr hatte. „Toll, wenn ich schon drauf gehe hätte ich wenigstens gerne eine Waffe dabei um möglichst viele von denen noch mitzunehmen.“, murmelte ich vor mich hin und schrie die immer noch verschlossene Tür an: „Igor hast du noch Munition?“ Igor öffnet sie und kam zu mir ins Zimmer. „Nein nicht wirklich und bei dir sieht es auch nicht gut aus was?“ „Nein ich hab nichts mehr. Also werden wir diesmal wohl ohne gehen oder wie sehe ich das?“ „Ach Julie, wenn es sein muss gehen wir auch ohne. Wir haben eh kaum noch Lebensmittel an Bord. Die letzte Plünderung ist schon so lange her und dadurch dass wir mittlerweile 12 Leute und die beiden Kinder an Bord haben, ging uns das Essen diesmal noch schneller aus. Egal wie wir es drehen oder wenden, wir müssen an Land, sonst werden wir alle drauf gehen.“ „Ja das weiß ich Igor, war ja auch nur eine Frage. Meinetwegen gehen wir. Ich wollte mich nur wie immer mental darauf vorbereiten, dass wir vielleicht nicht mehr wieder kommen. Heute ist die Wahrscheinlichkeit einfach nur noch um ein paar Prozent gestiegen. Aber Egal, wir werden das schon machen. Wer kommt noch alles mit?“ „ Also Peter und Isolde wollen bei den Kindern bleiben. Ist wohl auch besser so, ich denke sie würden uns nur aufhalten. Thomas ist wie du weißt krank und…“ „Igor, ich frag dich jetzt noch mal. Ich will nicht wissen wer NICHT mitkommt, sondern wer mitkommt!“ „Ja ist ja gut. Bisschen gereizt heute, was? Also wir zwei, logischerweise. Karin und Lili, Stefan und Gerd und soweit ich weiß auch Lea und Andre.“ „Hmm, also acht Leute. Ok wir alle gehen jetzt erstmal von Bord und schauen uns am Ufer ein wenig um. Wenn wir Lebensmittel finden geben wir sie Peter und Isolde sowie den Kindern wieder mit an Bord. Einverstanden?“ Er nickte nur kurz um mir zu verstehen zu geben, dass es in Ordnung gehen würde und ging aus der Tür hinaus. Mir war klar, dass er das nur machte um den Anderen meine Entscheidung mitzuteilen und nicht um mich zu kränken, aber dennoch hinterließ das jedesmal ein komisches Gefühl in meiner Magengegend.

 

Wie zuvor überprüfte ich noch mal meine Waffen und sah nach ob ich nicht doch noch Munition finden konnte, aber wie vermutet, war keine mehr vorhanden. Ich packte mir meine Jacke, steckte noch ein, zwei Messer ein und machte mich dann ebenfalls auf den Weg an Deck. Die Anderen standen schon fertig bepackt und startklar an dem kleinen Rettungsboot und alles wartet mal wieder nur auf mich. Manchmal fragte ich mich wirklich warum ich diesen Job überhaupt noch machte…

„Los jetzt, steigt ein wir wollen los. Wenn wir zu lange warten haben wir keine Zeit mehr uns richtig umzusehen.“, hörte ich mich selbst sagen, und war noch verwundert über meine Strenge, aber im Prinzip hatten wir wirklich keine Zeit. „Wenn es in ein paar Stunden wieder dunkel wird müssen wir ein sicheres Versteck gefunden haben, denn wenn uns jemand findet, werden wir wohl nicht mehr zurückkehren.“ Wir machten uns auf den Weg.

 

Das Rudern übernahmen diesmal Ingo und Stefan, so konnten wir anderen unsere Kräfte schonen und während die zwei sich ein wenig ausruhten, hatten wir anderen die Möglichkeit mit vollem Tatendrang auf die Suche nach etwas Essbarem zu gehen. Vor allem unsere Kleinen sahen mittlerweile nämlich schon richtig abgemagert aus und ich konnte ja nicht zulassen, dass sie auf meinem Schiff verhungern. An Land angekommen, blieben Stefan und Ingo mit den Kindern beim Boot, während die anderen und ich die nahe gelegene Umgebung absuchten. „Nichts Schlimmes zu erkennen Ingo, also lass die Kinder sich ein wenig die Beine vertreten. Aber lauft bitte nicht zu weit weg, wir müssen euch sehen können, nicht dass ihr uns doch noch verloren geht.“ Noch während ich das sagte, drehte ich mich auf der Stelle herum und lief in Richtung Felsen, die sich links von unserem Schiff befanden. „Schwarzer Stein. Sowas habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“ Ich dachte nochmal kurz drüber nach. „Genau genommen habe ich sowas noch nie gesehen. Hmm oder doch? Irgendwie kommt mir das alles sehr bekannt vor.“ Nochmals sah ich mich gründlich um, aber nicht ohne zu bemerken, dass eines von unseren Kindern sich immer weiter den Felsen näherte. Ohne ersichtlichen Grund überkam mich ein komisches Gefühl, ich merkte wie sich meine Beine in Bewegung setzten und ich zu der Kleinen hinlief. Ich wusste einfach dass etwas nicht stimmte. Und wie immer hatte mich mein Gefühl nicht getäuscht. Die Kleine stand regungslos vor dem Felsen und nicht das winzigste Zucken war zu sehen, als ich nach ihr rief. Ich beschleunigte noch einmal und rannte nun so schnell ich konnte auf sie zu, denn die Anderen waren alle samt zu weit weg um ihr zur Hilfe zu eilen. Im nächsten Moment kam meine Erinnerung wieder zurück. Ich sah die Bilder quasi vor mir:

 

>Ein Kind reglos vor einem Stein. Mein Blick neigt sich zu den Felsen und ich kann die Zeilen deutlich lesen: „Komm zu mir. Du bist mein Eigen!“ Das Kind bewegt sich auf die Felsen zu, berührt den schwarzen kalten Stein und verschwindet. Nun ist es ein Teil des Steins und wir es für immer bleiben. <

 

„Verdammte Scheiße. Igor die Kleine!“ Mittlerweile lief ich so schnell, dass sich meine Beine überschlugen und ich mich fast lang gemacht hätte. Im letzten Moment fand ich mein Gleichgeweicht jedoch wieder und kam so grade noch rechtzeitig bei dem kleinen Mädchen an bevor sie den Stein berühren konnte. Ich packte sie an der Schulter und riss sie zu mir herum. Einen kleinen Blick jedoch warf ich noch auf den Felsen, nur um zusehen ob dort wirklich etwas stand. Und tatsächlich in kleinen weißen Buchstaben standen die Worte: „Komm zu mir. Du bist mein Eigen!“ geschrieben. Sie waren nicht wirklich echt, oder in den Stein gemeißelt. Ich konnte noch sehen, wie sie immer wieder verblassten und wieder stärker auftauchten, bevor ich mich wegdrehte um die Kleine wieder zum Boot zu bringen. In diesem Moment nahm ich eine Bewegung hinter mir wahr und schaffte es noch mich intuitiv zu ducken während gleichzeitig hunderte kleine spitze Steinchen um unsere Köpfe herum flogen. Ich hatte den Felsen wohl erzürnt, denn immerhin klaute ich ihm seine „Nahrung“ vor der Nase weg und das gefiel ihm überhaupt nicht. In der Zwischenzeit war die Kleine auch wieder bei sich und ansprechbar und ich konnte sie mit ihrer Hilfe in Sicherheit bringen. Ingo kam uns schon entgegen gerannt, denn er hatte ja meinen Hilferuf gehört.

 

„Was war los?“, fragte er. „Das erzähle ich dir gleich. Hol die Anderen und bring sie zum Boot, die Kinder müssen zurück aufs Schiff.“ Igor packte sich die Kleine unter den Arm und ihr Bruder folgte den Beiden, er hatte alles aus sicherer Entfernung beobachtet und stand wohl unter Schock, man sah ja auch nicht alle Tage, dass seine Schwester fast von einem Felsen gefressen wurde. Nachdem Ingo die Zwei sicher in dem kleinen Boot verstaut hatte, rief er nach den Anderen und ließ Peter und Isolde zu den Kindern ins Boot steigen. „Ihr fahrt jetzt zurück los.“ „Und jetzt zu dir Julie. Was war da hinten los?“ „Die Felsen. Sie sind magisch. Es ist schon so weit fortgeschritten, dass selbst Leblose Dinge Magie besitzen. Sie wollten die Kleine in sich aufnehmen.“ „Du machst doch Witze. Leblose Dinge können keine Magie enthalten. Sie haben kein Leben in sich also auch keine Energie und schon gar nicht Magie Julie.“ „Da ist noch was Ingo.“, mein Blick wurde glasig. „Ich habe es gesehen.“ „Ja sicher du warst ja auch am nächsten von uns dran. Du hast sie immerhin gerettet.“ „Nein Ingo das meine ich nicht. Ich war nicht nur dabei, ich habe es gesehen. Gestern Nacht in meinem Traum.“ Ingos Augen weiteten sich und seine Stimme wurde leiser. „Du meinst du hattest wieder eine Vorahnung?“ „Ja und sie werden stärker. Ich kann es spüren. Irgendetwas geht in mir vor. Wir müssen uns beeilen, wenn wir mein Leben auch retten wollen.“

 

Wir waren so in unser Gespräch vertieft, dass wir nicht bemerkten, dass Lili uns belauschte und jedes einzelne Wort von uns gehört hatte. Nachdem wir noch einige Worte ausgetauscht hatten, machten wir uns auf den Weg zu den Anderen die sich mittlerweile ein Feuer angezündet hatten. Es war Sommer, eigentlich sollte es zu dieser Tageszeit schon warm sein, ich schätze es war gegen zwölf, aber die Sonne ließ verzweifelt auf sich warten.

 

„Also passt auf. Es hat sich einiges getan seit unserem letzten Landgang. Mittlerweile sind nicht nur Lebewesen von der Magie betroffen, sondern auch Felsen und dergleichen. Wer weiß was noch alles. Wir müssen auf der Hut sein. Unter normalen Umständen ist es so schon sehr gefährlich hier, aber so wie die Situation nun gegeben ist, haben wir keine Waffen und wir wissen nicht was noch alles infiziert sein kann. Haltet also die Augen auf. Ich will am Ende des Tages jeden Einzelnen von euch noch an meiner Seite haben. Ok? Gut. Also wir laufen jetzt durch den kleinen Wald hier vorne“, ich zeigte mit meinem Finger hinter mich auf den kleinen Wald. Es waren immer nur vereinzelte Bäume zu sehen, so hatte ich dir Hoffnung, dass die Gefahr nicht all zu groß war. „An den Felsen dort kommen wir nicht vorbei, wenn wir nicht riskieren wollen von ihnen absorbiert zu werden. Und Lili meinte grade dass wir rechts in relativ kurzer Zeit an eine Schlucht kommen, also haben wir keine andere Wahl.“

 

Jedem war klar das ich Recht hatte. Auch wenn uns dies nicht gefiel, hatten wir keine andere Möglichkeit. Sicherlich war es auch nicht sonderlich schlau in den Wald zu gehen, immerhin hätten die Bäume infiziert sein können, aber wir konnten auch nicht hier bleiben oder einfach weiter fahren. Wir löschten also das Feuer und machten uns auf den Weg. Glücklicherweise hatte uns im Wald nichts angegriffen und soweit wir es beurteilen konnten wurden wir auch nicht verfolgt. Wir traten auf der anderen Seite des Waldes heraus und konnten unseren Augen gar nicht trauen. Im ersten Moment dachten wir wirklich wir hätten alle den gleichen Traum, denn wir waren tatsächlich an einem kleinen Kanal angekommen der auf beiden Seiten bebaut war. Auf der von uns aus gesehenen anderen Seite des Kanals waren viele kleine Läden zu sehen und auch ein großes Möbelhaus. „Dort finden wir bestimmt etwas zu Essen“, dachte ich mir noch als es mich auch schon wieder überkam. Irgendetwas war seltsam und dennoch: „Wir müssen in das Möbelhaus. Ingo siehst du die Brücke dort drüben? Was meinst du schaffen wir es da rüber zu kommen?“

 

Rechts von uns in ca. 200 Metern Entfernung lag eine Brücke, getragen von Stahlträgern. Im Grunde sollte sie unser Gewicht tragen, aber wir wussten ja nicht wie lange schon niemand mehr hier gewesen war. An dieser Küste hatten wir zumindest noch keine Überlebenden gefunden und wer wusste schon wann hier das Böse die Überhand gewonnen hatte, das konnte Jahre her sein, Monate oder auch erst Wochen. Ingo hatte inzwischen die Brücke studiert und war der Meinung, dass wir sie Gefahrlos überqueren konnten, also liefen wir hinüber und gingen auf direktem Wege ins Kaufhaus. Dieses war voll beleuchtet, groß und geräumig. Draußen wurde es schon Dunkel. Besonders viel Zeit hatten wir also nicht mehr und man merkte, dass Ingo, Lili, Karin und ich unruhig wurden. Wir versuchten jedoch uns das nicht anmerken zu lassen, denn es reichte schon aus wenn vier von uns acht nervös waren. Da brauchten wir nicht auch noch den anderen Vieren Angst machen.

 

Zuerst erkundeten wir das Erdgeschoss, die Möbel sahen fast alle noch wie neu aus und auch nur wenige Stellen waren verwüstet. Ganz im Gegensatz zu dem was wir erwartet hatten, schien alles wie immer in einem ganz normalen Kaufhaus. Dass das normale Leben nicht weiter ging, konnte man hier jedenfalls nicht erkennen. Irgendwann kamen wir dann zu einem Imbiss und man konnte es nicht glauben, aber das Essen war noch gut. So wie es hier aussah konnte es noch nicht lange her sein, dass Menschen ihrem ganz normalen Alltag nachgegangen waren. Wir suchten uns ein paar Kleinigkeiten zu Essen zusammen und genossen unser Mahl auf der gegenüberliegenden Seite an einem großen Fahrstuhl, während einer von uns immer die Augen offen hielt. In unserer kleinen Runde hatten wir so endlich mal ein wenig Zeit um uns auch mit den Anderen zu unterhalten. Während Stefan, Gerd, Lea und Andre sich angeregt über die derzeitige Situation unterhielten platzte es aus Lili heraus:

 

„Julie du bist einfach das Allerletzte! Du tust so, als wenn wir dir alle viel wert sind und in Wirklichkeit bist du selbst einer von DENEN! Du hast Visionen, hast Magie in dir und tust so als wärest du eine von uns. Hast du dir in deinem Hinterkopf schon überlegt, wie du uns am Besten infizieren kannst?“ „Das reicht Lili“, mischte sich Ingo ein. Alle anderen waren in der Zwischenzeit verstummt und lauschten nun ihren Worten. „Nein Ingo das reicht noch lange nicht. Wir haben jemanden unter uns der jederzeit einen von uns infizieren könnte. Wir wissen ja noch nicht einmal wie es übertragen wird. Woher wissen wir denn, dass wir nicht schon alle infiziert sind?“ „Ganz einfach Lili, hast du Träume die wahr werden? Oder siehst du die Vergangenheit? Kannst du Dinge mit deinen bloßen Gedanken bewegen? Oder der noch schlimmere Fall, kannst du andere verfluchen und ihnen passiert dann wirklich etwas? Nein sicher nicht. Ich habe niemanden infiziert oder angesteckt oder sonst was.“, erwiderte ich ohne dabei zu bemerken dass ich mich in diesem Moment verplappert hatte. Ich hatte ihr zugestimmt und nicht abgestritten was sie sagte, damit war die Bombe geplatzt.

 

Die Anderen bekamen Angst, das konnte ich in ihren Augen erkennen, einzig und allein Ingo stand noch an meiner Seite. Der Tag wurde immer besser. „Also stimmt es Julie? Du hast Magie in dir?“, fragte mich Karin. „Ja es stimmt. Das muss ich leider zugeben. Doch hört mir bitte zu. Das musste sein. Igor und ich haben mich ABSICHTLICH infiziert, denn es gibt noch eine Sache die ihr nicht wisst.“ Ich wollte grade ansetzten ihnen die ganze Geschichte zu erzählen, doch Lili fiel mir ins Wort, ich hatte sie so in Rage gebracht, dass sie keinen Wert mehr darauf legte mir zuzuhören. „Nein Julie ich will deinen Scheiß nicht hören. Tisch deine Lügen jemand anderem auf, aber nicht uns. Du hast uns belogen und uns absichtlich in Gefahr gebracht. Verschwinde von hier. Hau ab und geh zu deinesgleichen. Wir haben keinen Platz für Verräter.“ „Ach dann macht euren Scheiß doch alleine“, brüllte ich sie an und machte auf der Stelle kehrt. Ich lief ein paar Meter von der Gruppe weg und ging Richtung Ausgang. „Du hast ja keine Ahnung was du da grade angestellt hast Lili. Sie ist die Einzige die aus dem Buch verlesen kann, weil sie die Magie in sich trägt. Wir als nicht Magier haben keine Möglichkeit den Zauber zurückzunehmen, nur aus diesem Grund haben wir sie infiziert. Sie hat sich für die Gruppe geopfert. Sie riskiert in jeder Sekunde die vergeht ihr Leben, nur damit wir alle überleben können. Wenn wir sie nicht haben, können wir uns auch gleich die Kugel geben, oder von diesem Gebäude springen.“

 

Lili sah betroffen drein, sie wollte nicht glauben was Ingo da gerade gesagt hatte, aber er hatte recht. Ohne mich würde die Gruppe nicht mehr lange überleben. Ich hatte seine Worte nicht mehr gehört, denn ich war wie gesagt auf dem Weg zum Ausgang, als ich einen kleinen Schatten am oberen Rand der Decke bemerkte, er huschte von der rechten Seite zur linken und verschwand. Auf der Stelle drehte ich mich um und rannte zu den anderen, als mich wieder eine Vision übermannte:

 

>Ich war auf dem Weg zum Ausgang, als hunderte kleiner Gnome uns angriffen, Hautfetzen hingen an ihren Gesichtern herunter, die mit einer Art grünem Schleim überdeckt waren. Ihre scharfen, spitzen Zähne blitzen unter den neonbeleuchteten Lampen immer wieder auf. Man sah dass ihre Kiefer stark waren, auch wenn sie selbst eher schmächtig wirkten, wären sie doch in der Lage einem den ganzen Arm abzubeißen. Wie eine Bulldogge würden sie die Körper ihrer Opfer zerfleischen, wenn sie nur die Möglichkeit dazu bekämen. Ich rannte um mein Leben und auch die Anderen erkannten nun die Situation und suchten ihr Heil in der Flucht, doch es war zu spät. Diese kleinen fiesen Monster, strömten von allen Seiten auf uns ein, es war eine Falle und wir waren blindlings hinein gelaufen. Jeder von uns der nicht auf der Stelle tot war oder gefressen wurde, verwandelte sich nun ebenfalls in eines dieses Wesen.

 

Bei den Anderen angekommen sah ich, wie Ingo immer weiter in sich zusammen schrumpfte und schließlich aus seiner attraktiven männlichen Person ein 60 cm kleiner Zwerg wurde, der mit grünem Schleim überzogen war. Seine schönen einst blauen Augen, die immer voller Güte strahlten, waren nun eingefallen und grau, von seiner Liebe und Wärme war nichts mehr zu sehen. Karin schrie auf, denn sie hatte dasselbe gesehen wie ich, aber durch ihren Schrei machte sie auf sich aufmerksam und nun begann auch Ingo auf sie ein zu beißen. Komischerweise liefen an mir alle vorbei, als wenn ich für sie gar nicht existieren würde. Mit einem Mal wurde es ruhig und auf dem Gang rechts hinter dem Fahrstuhl erschien ein Mann, mit langen schwarzen Haaren, er war groß gewachsen etwas über zwei Meter würde ich schätzen und hielt ein riesiges ledergebundenes Buch in seiner linken Hand. In dem Moment als er aufgetaucht war, schienen die Monster so etwas wie Ehrfurcht zu entwickeln und blieben an Ort und Stelle stehen. „Hallo Julie, wir haben euch schon erwartet. Mein Name ist Edward Fletcher, aber das kannst du dir sicher denken. Ist es nicht wunderschön was ich aus dieser heruntergekommenen Welt erschaffen habe? Du selbst trägst die Magie in dir, also weißt du was es heißt, ein Magier und somit einer von uns zu sein. Komme mit mir, du gehörst an meine Seite, wir zusammen können die Welt regieren.“ Bevor er noch etwas sagen konnte, rannte ich auf ihn zu um ihm das Buch abzunehmen, doch eines seiner untergebenen Wesen hatte mich wohl vorher erwischt, es wurde dunkel um mich herum und ich befand mich wieder im noch leeren Möbelladen. Die Vision war vorbei. <

 

„Alle man in den Aufzug schnell! Rennt um euer Leben!“, schrie ich aus vollem Halse bevor die Welle der Gnome über uns herein brach. Die Anderen wussten nicht was geschah, aber hörten wohl die Panik in meiner Stimme und sprangen alle samt auf und liefen zum Aufzug, der dummerweise noch verschlossen war. Der Knopf war gedrückt, aber es konnte einfach nicht schnell genug gehen, mittlerweile hatte ich die Anderen eingeholt und stand mit ihnen am Aufzug, darauf wartend dass sich endlich diese gottverdammten Türen öffneten, als auch schon die erste hässliche Fratze vor uns erschien.

 

Lili schrie auf und versuchte dem Gnom auszuweichen, schaffte es noch in letzter Sekunde sich zu ducken und das Viech hüpfte an ihr vorbei. Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür. Ingo schupste mich mit aller Kraft in den Innenraum des Fahrstuhls, reagierte blitzartig als ein zweites Wesen hinter ihm auftauchte und rammte ihm eines von meinen Messern in die nicht wirklich vorhandenen Rippen. Es grunzte noch einmal bevor es zu Boden ging und regungslos liegen blieb. Im selben Augenblick sprangen Karin und Ingo zu mir in den Aufzug gefolgt von Lili und Andre. Georg hatte nicht so viel Glück, er wurde von den Gnomen gegen die rechte Wand neben dem Aufzug gedrückt und gebissen, keine Chance er war infiziert und verwandelte sich langsam aber sicher, ihn konnten wir nun nicht mehr retten. Das Gleiche galt für die anderen Beiden. Lea lag bereits am Boden und Stefans Verwandlung war bereits abgeschlossen. Ich drückte den Knopf und wir fuhren eine Etage tiefer, niemand von uns wusste wohin wir nun kommen würden, oder ob auch diese Etage bereits voller Gnome war die auf uns warteten. Doch die Türen öffneten sich und der nun vor uns liegende Gang war leer.

 

„Ingo er ist hier und er hat das Buch. Was machen wir denn jetzt? Wir können uns nicht verteidigen und sie werden sicher gleich hier sein.“, meine Stimme überschlug sich, genauso wie meine Gedanken. Lili lag mittlerweile zusammen gekauert auf dem Boden während Karin behutsam versuchte auf sie einzureden, dass sie wieder aufstehen soll. „Das ist alles meine Schuld, wenn ich grad nicht so einen Aufriss gemacht hätte, wären die anderen noch am Leben. Jetzt sitze ich hier und lebe noch während die anderen tot sind. Sie sind tot.“ Lili fing an zu weinen. „Alles nur meine Schuld.“, schluchzte sie immer und immer wieder. „Sie sind bestimmt nicht tot Lili, auch wenn ich es ihnen wünschen würde. Hast du nicht gesehen was grade mit Gerd passiert ist? Das da oben, diese Wesen. Das sind alles Menschen, oder besser sie waren es.“

 

Das hätte ich besser nicht gesagt, denn schon im nächsten Moment wurde ihr Schluchzen noch lauter und sie sackte endgültig komplett in sich zusammen. Darum konnte ich mich jetzt aber nicht auch noch kümmern, wir hatten ganz andere Schwierigkeiten. Wenn und nicht bald etwas einfiel würde es uns nicht anders ergehen und das konnte ich auf keinen Fall zulassen. „War da nicht eben ein Geräusch?“, hörte ich Igor flüstern. „Lili sei still, ich versuche herauszufinden wie weit sie schon sind.“ Bevor er jedoch weiter sprechen konnte, gab es einen lauten Knall, der definitiv aus dem verschlossenen Fahrstuhl kam. Ingo und ich zückten jeder ein Messer und stellten uns genau vor die Tür, wenn sie uns schon erwischen würden, dann wenigstens nicht ohne auch noch eine gewisse Zahl an Gnome zu verlieren. Meine Hand zitterte als ich den Knopf des Fahrstuhls drückte, aber was wir dann sahen, hätten wir niemals erwartet. In der noch vor zwei Minuten völlig unversehrten Decke klaffte nun ein bestimmt 50 cm großes Loch, durch die eines dieser Wesen seine Nase in den Aufzug steckte, doch wieder erwarten griff er uns nicht an. Ganz im Gegenteil.

 

Als er seinen etwas rundlichen Körper durch die für ihn immer noch kleine Öffnung presste, fiel uns etwas großes, ledernes Etwas vor die Füße. Meine Augen wurden groß, es war das Buch. Mittlerweile war auch der kleine Gnom mit einem lauten Knall auf den Boden aufgeschlagen, er stand auf, griff nach dem Buch und hielt es in meine Richtung. „Du musst den Satz lesen Julie. Du bist die einzige die das kann.“ Keiner von und wusste was er darauf noch sagen sollte. Ich griff also noch dem Buch und bemerkte dabei, dass der kleine Gnom an seiner linken Hand, ein braunes Lederband trug. Ich war nicht überrascht, darauf den Namen Gerd zu lesen. Seine Verwandlung war nicht ganz abgeschlossen, auch dieser grüne Schleim war nicht so ausgeprägt wie bei den anderen und sein Gesicht hatte immer noch gewisse Ähnlichkeiten, mit dem welches wir noch vor einigen Minuten gesehen hatten. Ich ergriff das Buch, schlug die letzte Seite auf und fing an zu lesen:

 

negnafeg rhem dnamein, raw se eiw sella

,negnagrev ies nehehcseg saW

.nehcorbeg hcielg timreih nun tsi

nehcorpsegsua druw red rebuaZ reD.

 

(Der Zauber der wurd ausgesprochen

ist nun hiermit gleich gebrochen.

Was geschehen sei vergangen,

alles wie es war, niemand mehr gefangen.)

 

Während ich diese Worte sprach, hörte man noch die Schreie von Edward Fletcher die durch das ganze Möbelhaus schallten. Sein Traum, die Welt mit Magie zu beherrschen und die Menschen zu unterwerfen war gescheitert. Überall auf der Welt, waren Häuser wieder Häuser, Bäume wieder Bäume und Menschen wieder Menschen. Die Magie war über drei Jahre die regierende Macht auf unserer Erde gewesen, nun waren es wieder die Menschen. Aber sie hatten gelernt. Jeder wusste nun dass es Magie ein Mal gegeben hat und dass sie jederzeit wieder unter uns erscheinen könnte. Sie hatten mit einem Mal Ehrfurcht vor der Natur und führten auch keine Kriege mehr, denn eine Welt in der nur der Stärkere überlebt wollte niemand mehr. Die Zeit des Fressens und gefressen werden war vorbei.

 

Lili lernte damit zu Leben dass Lea durch ihr verschulden gestorben war, denn sie hatte ihre schweren Verletzungen leider nicht überlebt. Obwohl es eigentlich nicht ihre Schuld gewesen war, konnte sie niemand davon abringen. In ihrem weiteren Leben kümmerte sie sich um Menschen die Hilfe brauchten. Karin hat es ihr gleich getan, die Beiden waren nun beste Freunde und teilten sich sogar eine Wohnung. Igor und ich sind ein Paar geworden, diese ganze Sache hatte und fester zusammen geschweißt als jeden anderen von uns. Als Krönung adoptierten wir die kleinen Geschwister, die noch auf unserem Schiff auf unsere Rückkehr warteten. Auch sie hatten in der Zwischenzeit einiges erlebt, aber das ist eine andere Geschichte und gehört hier nun nicht mehr hin. Gerd zog in unsere Nähe und gehört mittlerweile zu unserem engsten Freundeskreis. Es ist schön zu wissen, dass es noch Menschen gibt auf die man sich wirklich verlassen kann und Gerd war immer schon ein solcher Mensch gewesen. Was aus den Anderen geworden ist, weiß ich leider nicht. Aber ich hoffe, dass sie ein wunderschönes Leben haben, egal wo sie nun sind oder was sie grade machen.

 

ENDE

Kommentar schreiben

Kommentare: 0