Die Macht des Vergessens

 

Als Sofie ihre Augen öffnete, wusste sie nicht wie ihr geschah. Sie spürte den harten Boden unter sich und sah etliche Gesichter, die sie besorgt ansahen. „Geht es dir gut Kleine?“, fragte sie ein Mann mittleren Alters durch seine dicken Brillengläser, der noch ein wenig besorgter aussah wie die anderen. Er blickte sie direkt an, aber antworten konnte sie ihm irgendwie nicht. Sie wollte sich erinnern. Erinnern an das, was eben passiert war, doch das einzige was da war, war Leere. Trotz allem versuchte sie aufzustehen und ließ sich von einer kleinen Frau stützen, der besorgte Mann war immer noch dicht an ihrer Seite, aber Sofie wollte einfach nur weg. Ihr Blick glitt an ihrer Kleidung hinab und sie musste mit Bedauern feststellen, dass sie irgendwie verkleidet zu sein schien. Das Kleid, das sie trug hing zwar nur noch in Fetzen an ihr herab, doch es sollte wohl eine Art altertümliche Kleidung sein. Ihr Bauch war zu sehen und der rosa Stoff fiel lieblos an ihr herab und auch die rosa, armlangen Handschuhe waren nur noch die Schatten ihrer selbst. Was war nur passiert? Sie konnte sich einfach nicht erinnern, doch eines wusste sie mit sicherer Bestimmtheit. Sie musste weg und das auf der Stelle, bevor etwas Schlimmes passieren würde. Sie konnte nicht sagen was passieren würde oder warum, aber sie wusste, dass sie in Gefahr war. Sie löste sich von der kleinen Dame, sah den Herren mit der Brille fest an und sagte: „Mir geht es gut. Nur ein kleiner Schwächeanfall. Es gehst schon wieder.“ Ohne auch nur einen Moment zu zögern drehte sie sich auf der Stelle um und lief in die entgegengesetzte Richtung. Die Rufe der besorgten Masse ließ sie hinter sich zurück und bog in die nächste Straße ein, um aus dem Blickfeld der anderen zu verschwinden. Glücklicherweise war ihr niemand gefolgt und sie konnte sich an der Steinmauer des anliegenden Hauses nieder lassen.

 

Warum ihr niemand gefolgt war, sollte sie in einigen Sekunden feststellen. Ein Gefühl von Angst hatte sie ergriffen und sie sah noch einmal zurück zu den freundlichen Menschen die ihr hatten helfen wollen. Was sie aber sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Wo eben noch etliche Menschen standen, hatte sich das Bild komplett verändert. Zwar waren die Menschen immer noch da, hatten sich aber von der Stelle entfernt, an der Sofie eben noch gelegen hatte. Es wirkte dunkler, als es noch vor einigen Minuten gewesen zu sein schien und nur Sekunden später knallte es in so einer Lautstärke, dass selbst Sofie sich aus dieser Entfernung die Ohren zuhalten musste. Panik brach aus, aber es schien als wüssten die Menschen nicht was um sie herum geschah. Jeder lief in eine andere Richtung, jeder schrie oder weinte und in diesem Moment konnte Sofie es sehen.

 

In den Fensterscheiben der gegenüberliegenden Geschäfte, sah sie zuerst einen immer größer werdenden Schatten und dann etwas was sich darin bewegte. Genau in diesem Moment fing ihr Sternenamulett, das sie um den Hals trug, an zu leuchten und bevor sie sich versah schwebte sie in der Luft und verschwand aus dieser Welt.

 

Sie hatte sich erschrocken und wollte schreien, als es auch schon wieder vorbei war. Aus der weiten Einkaufsstraße in der sie eben noch gewesen war, war ein Wolkenmeer geworden und um sie herum Nichts als Wolken und endlose Weiten. Sie sah sich um, konnte aber nichts sehen was sie weiterbrachte, bis sie in der nächsten Sekunde einen seltsamen Hocker einen halben Meter neben ihr wahrnahm. Ihr war klar, dass er eben noch nicht da war und sie fing an sich ihre Gedanken zu machen. „Was ist hier los? Wer bin ich und warum bin ich nun hier an diesem seltsamen Ort?“

 

„Sofie, dafür ist jetzt keine Zeit.“ Sie erschrak. Wer hatte das gesagt? Um sie herum war immer noch niemand zu sehen, als sie eine Bewegung über ihrem Kopf wahrnahm. Was sie sah verwirrte sie umso mehr. Gute zwanzig Meter über ihr flog ein Vogel. Aber es war nicht irgendeiner. Zuerst dachte sie, dass seine Flügel das Licht der Sonne brachen und sie deshalb so seltsam aussahen. Dieser Gedanke dauerte aber nur eine Sekunde lang an. Bis zu dem Moment, als ihr klar wurde, dass hier gar keine Sonne zu sehen war. Sie rieb sich die Augen. War das wirklich ein Vogel aus Feuer? Eindrucksvoll schwang er seine Flügel über Sofies Kopf und es schien fast so, als deute er auf den Stuhl neben ihr.

 

Ohne nachzudenken setze sie sich und wartete ab was geschah. „Ich danke dir, denn es bleibt wirklich nicht viel Zeit.“ Wieder erschrak sie, doch die Stimme schien ihr unheimlich vertraut, sodass sie keine Anstalten machte sich wieder zu erheben. „Sofie vertraue mir, du musst deine Augen schließen. Denke an den goldenen Mond und halte dich an diesem Gedanken fest. Lasse ihn nicht los. Danach erkläre ich dir, was hier passiert.“ Sofie nickte und schloss die Augen.

 

Beim öffnen hatte sich ihre Umgebung wieder verändert. Um sie herum Sternenhimmel und unter ihr goldener Sand, während ihr gegenüber ein Pferd aus Gold stand und über ihren Köpfen sich eine goldene Mondsichel spiegelte. Alles wirkte wie im Traum, eine Welt neben der Realität und so unrecht hatte sie mit ihren Gedanken nicht.

 

„Wo bin ich hier?“ „Dies Sofie ist deine Heimat. Hier bist du geboren worden und hier droht dir keine Gefahr. Dies ist der einzige Ort in allen Welten, an dem der Phönix aus seiner Asche auferstehen kann und deshalb bist du nun hier. Erinnerst du dich wirklich an nichts?“ Sofie schüttelte den Kopf und wollte grade ansetzen etwas zu sagen, als das goldene Pferd weiterredete. „Dein Platz ist hier und du musst dein Reich führen, denn nur du hast die Macht, sie vor dem dunklen Schatten zu beschützen. Dafür aber, musst du dich erinnern. Deine Träume sind der Schlüssel.“

 

Einige Minuten war es still und sie überlegte. Sie versuchte sich zu erinnern, aber die Leere in ihrem Kopf wollte einfach nicht weichen. „Was muss ich tun um mich zu erinnern? Ich sehe nur Leere und Dunkelheit.“ „Ja Kleines, weil dich der Schatten vergiftet hat. Auch er weiß um deine Macht und findest du dein inneres Licht nicht wieder, wird wohl alles verloren sein. Du bist die Prinzessin. Wie er…“ sein Blick schweifte über sie in die Höhe und wies auf den brennenden Vogel über ihnen. „…bist du aus Feuer geboren. Du hast die Macht in dir deine eigene Flamme, dein eigenes Licht zu schaffen. Konzentrier dich auf deine innere Stärke und lass dich auf deine Gefühle ein. Du wirst es schaffen.“

 

Wieder nickte Sofie und hörte in sich hinein. Erst nur zaghaft, dann mit immer größeren und klareren Bildern kamen ihre Erinnerungen wieder. Ihr ganzes Leben, hatte sie auf diesen Moment gewartet, in dem sie sich dem Schatten stellen würde, alles lief wie geplant, als ihr klar wurde, dass man sie verraten hatte. Einer ihrer Vertrauten hatte die Seite gewechselt und den Schatten unterrichtet. Dies Verschaffte ihm einen Vorteil und er konnte Sofie mit seiner Dunkelheit infizieren. Victor, der Phönix hatte es geschafft sie in letzter Sekunde zu greifen und Sofie ein Tor zur Menschenwelt zu öffnen. Ihm war klar, dass sie ihre Erinnerung verloren hatte, aber in dieser Situation hatte er die einzige noch wirkliche Chance gesehen. Er warf sie hindurch.

 

Zwar war der Schatten ihr gefolgt, aber Victor hatte genug Vertrauen, dass Sofies Instinkt sie wieder zu ihm bringen wurde und so war es ja schlussendlich auch.

 

Jetzt wo sie wieder wusste wer sie war, musste sie zurück in die Menschenwelt und den Schatten aufhalten, bevor er die nächste Welt ins Unglück stürzen würde. Victor begleitete sie diesmal, als sie durch das Tor in die Menschenwelt hindurchtrat. Noch mal würde er sie nicht alleine lassen.

 

Auf der anderen Seite, hatte sich in der Zwischenzeit eine Menge verändert. Die Sonne war kaum noch wahrzunehmen, es war kalt und auch die Menschen und die anderen Lebewesen dieser Welt schienen seltsam verändert zu sein. Durch Zufall fand sie den netten Mann mit seinen dicken Brillengläsern wieder, doch von seiner ursprünglichen Herzlichkeit und Sorge war keine Spur mehr zu sehen. Seine Fürsorglichkeit war Zorn gewichen und Angst war das einzige was Sofie in dieser Welt noch spüren konnte. „Er hat schon mehr Schaden angerichtet, wie ich gedacht habe. Wir müssen ihn finden. Versteck dich über den Wolken, wenn ich Probleme habe werde ich dich rufen.“ Victor verabschiedete sich mit einem Schrei und verschwand. Jetzt kam es auf sie an.

 

Zuerst hatte sie überlegt ob sie den Schatten suchen sollte, aber eigentlich war er ja hinter ihr her, also müsste er in der Lage sein sie zu finden. Sie stellte sich mitten auf die Straße, fast an dieselbe Stelle an der sie zu Bewusstsein gekommen war und konzentrierte sich wieder auf ihr Innerstes. Erst schwach, dann immer stärker fing ihr inneres Feuer zu glühen an und lockte den Schatten aus seinem Versteck. „Du hast keine Macht mehr“, brüllte er ihr entgegen. „Diesmal bin ich es dir siegt.“, grollte es durch alle Straßen. „Diese Wesen stehen nun unter meinem Einfluss. Sie sind meine Sklaven und wenn ich will, dass sie dich töten, dann werden sie es tun. Ohne zu zögern. Sie gehören mir, genauso wie du gleich mir gehören wirst.“ Sofie aber reagierte nicht. Sie konzentrierte sich weiter auf sich und ihre Flamme. „Wir werden sehen.“, grinste sie. „Wir werden sehen.“ Und in diesem Moment entsendete sie ihre stärkste Flamme.

 

Diese schien heller wie jedes Licht, dass sie je gesehen hatte. Der Schatten hatte nicht mal mehr die Möglichkeit zu reagieren, als er auch schon verschwunden war. Ihr Feuer und ihr Licht verbreiteten sich in der Welt und blieben in jedem Menschen und jedem Tier zurück. Sie hatte ihnen Liebe geschenkt und schaffte dadurch eine bessere Welt. Niemand konnte sich an die schlimmen Zeiten erinnern oder daran, dass Sofie die Welt gerettet hatte, aber sie war glücklich, weil sie zu sich selbst zurück gefunden hatte.

 

Zusammen mit Victor ging sie zurück in ihre eigene Welt, die ebenfalls nun vom Schatten befreit war und führte ihr Königreich mit Frieden, Liebe und Barmherzigkeit. Sie war ihrer Bestimmung gefolgt und war endlich das Feuerwesen, dass sie immer hatte sein wollen.

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