Die Realität des Traums

 

Den ganzen Tag über konnte ich an nichts anderes denken, wie an diese Frau. Sie war wunderschön und wollte einfach nicht aus meinen Gedanken verschwinden. Glücklicherweise konnte ich zumindest den Bortney-Fall erfolgreich abschließen und ich fuhr so schnell  wie möglich wieder in meine Wohnung. Irgendwas stimmte hier nicht. Es war nicht nur einfach dieser Traum oder diese Frau, ich konnte spüren, dass etwas nicht stimmte und sich veränderte.

 

In letzter Zeit hatte ich kaum eine Nacht wirklich geschlafen. Jedes Mal wenn ich erwachte, war ich müder wie am Abend zuvor und meine Glieder schmerzten fast ununterbrochen. Ruhe fand ich jedenfalls keine und das war kein gutes Zeichen, denn immerhin war ich mittlerweile eine angesehene Anwältin und musste konzertiert bleiben.  Mit Schwung ließ ich mich auf mein Sofa fallen und versuchte trotz allem ein wenig zu schlafen.

 

Kaum hatte ich meine Augen geschlossen, irritierte mich ein eigenartiges Geräusch. Als ich meine Augen wieder öffnete, lag ich nicht mehr auf meinem Sofa, sondern auf einem Waldboden. Wieder stand ich in meinem eigenen Traum und ich wusste, dass ich wieder einmal keine Ruhe finden würde. Langsam ging ich durch die dichten Bäume und suchte mir einen Weg ins Freie, doch was ich sah, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Alles war vertraut und weckte Erinnerungen an meine Kindheit, so dachte ich zumindest, denn anders konnte ich mir das nicht erklären. Vor mir lag ein kleines Dorf mitten im Urwald. Die Bäume umringten die kleinen Lehmhäuser und die Bewohner gingen wie immer ihrer Arbeit nach.

 

Das war neu. Bisher hatte ich immer das Gefühl eines Traums gehabt, irgendwie wie in einer Seifenblase, diesmal aber schien es realer zu sein. Wie bei den letzten Malen richtete ich mich auf und ging Richtung Wasserfall. Instinktiv lief ich in die richtige Richtung und erreichte den Wasserfall schneller wie gedacht und SIE war wieder da.

 

Das lange wellige Haar fiel in ihr in roten Strähnen in ihr wundervolles bleiches Gesicht und das Wasser um schmiegte ihren nackten Körper, während sie sich unter dem Wasser des Wasserfalls bewegte. Sie liebte das Wasser, das sah man sofort und es war sicher kein Zufall, dass ich sie immer genau an diesem Ort traf. Unserem Ort. Manchmal bemerkte sie mich und sah mich direkt an, als wäre das alles Realität, aber wir konnten uns nie erreichen. So schien es auch dieses Mal zu sein. Ihre smaragdgrünen Augen, sahen mich auf direktem Wege an und sie zögerte nicht. Ohne darüber nachzudenken sprang sie in die Tiefe. Ich wollte reagieren, zu ihr laufen, aber die Distanz wäre zu weit gewesen, also tat ich es ihr gleich und sprang von meiner Seite aus, ebenfalls in die Tiefe. Es war ja immerhin nur ein Traum.

 

Dies war also unsere erste Begegnung. Das Wasser war warm und glasklar. Um uns herum alles Grün und sie war nur noch etwa einen Meter von mir entfernt. Wortlos stand sie da und starrte mich an. Sie war immer noch nackt und das Wasser tropfte von ihrer Haut. Ich schwamm zu ihr, dass auch ich im Wasser stehen konnte und wollte grade etwas sagen, als sie einen Schritt auf mich zu ging. Bevor ich reagieren konnte, legte sie ihre Arme um mich und legte ihre Lippen auf meine. Ihr zarter Körper war an meinen geschmiegt und ihre Leidenschaft steckte mich an. Die Realität war in weite Ferne gerückt und ich war völlig im Hier und Jetzt, als ich meine Augen öffnete und mich in meinem Wohnzimmer wiederfand. Es hatte geklingelt.

 

Mein Atem ging immer noch schnell, als ich zur Tür ging. Was war nur mit mir los? Selbst in der Beziehung mit meinem Ex, hatte ich niemals so weiche Knie. Ich stand doch gar nicht auf Frauen und doch ließ sie mir meine Ruhe. Sie machte mich wahnsinnig und das obwohl sie nur ein Traum zu sein schien. Es klopfte wieder und ich öffnete die Tür. Vor mir standen meine Eltern. Der Tag wurde immer kurioser.

 

Nach kurzer Begrüßung setzen wir uns ins Wohnzimmer. Der Kaffe war aufgesetzt und die Stimmung gedrückt. „Was macht ihr hier?“, entfuhr es mir.

 

Ich liebte meine Eltern, aber den  Weg von 320 Km machten sie nicht einfach nur so. Es musste also etwas passiert sein und ich wollte wissen was.

 

Noch immer hatten sie nicht geantwortet. Mutter starte  zu Boden und Vater schien verzweifelt die richtigen Worte zu suchen. „Liebes, wir müssen dir etwas sagen. Wir wussten immer, dass der Tag kommen würde, aber wir haben den richtigen Moment irgendwie verpasst. Jetzt bist du fast 30 Jahre, du solltest es wissen. Zumal wir wissen dass nach dir gesucht wird.“ Er senkte seinen Blick. „Was heißt ich werde gesucht? Von wem werde ich gesucht?“ Meine Verwirrung stieg als mein Vater mit der Wahrheit rausrückte. „Von deinen Eltern Liebes.“, sagte er grade raus und ich schien mich wohl verhört zu haben, aber die Realität änderte sich nicht. Die Wahrheit einmal ausgesprochen, konnte man nicht mehr zurücknehmen und so erzählten sie mir die ganze Geschichte:

 

Bis zu meinem dritten Lebensjahr lebte ich bei meinen echten Eltern im Kongo. Als aber ihr Haus durch einen Sturm niedergerissen wurde, wussten sie keinen Ausweg und gaben mich meinen Adoptiveltern schweren Herzens mit. Sie liebten mich wie ihr eigenes Kind und sie hatten gehofft, dass sie einfach mit der Lüge leben konnten. Nun aber suchten mich meine richtigen Eltern und sie hatten zu meinem Adoptiveltern Kontakt aufgenommen. Sie wollten, dass ich zu ihnen komme und das tat ich.

 

Den verdienten Urlaub reichte ich noch am selben Abend in meinem Büro ein und das Ticket war schnell gebucht. Das konnte doch alles kein Zufall sein. Erst diese verrückten Träume, dann das auftauchen meiner Eltern. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass mir das Universum etwas sagen wollte und ich lies mich drauf ein.

 

Der Flug dauerte lange und eine direkte Verbindung gab es auch nicht, also musste ich zweimal in ein anderes Flugzeug steigen. Irgendwie schienen die Maschinen dabei jedes Mal kleiner zu werden, doch das störte mich nicht. Das Gefühl nach Hause zu kommen wurde immer stärker um so mehr Zeit wir in der Luft verbrachten und als das letzte Flugzeug landete, wusste ich dass ich daheim war. Auf der stundenlangen Autofahrt sah ich mich immer wieder um. Täuschte ich mich oder war dies die Gegend aus meinem Traum? Ich verstand es nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass das alles hier, mich wieder in meine Nächte versetzte und als wir ankamen, verstärkte sich das Gefühl um so mehr.

 

Das Auto hielt an und ohne dass jemand etwas sagen musste, sieg ich aus und lief auf einen kleinen Hügel. Ich hörte dass jemand meinen Namen rief, doch das einzige an das ich noch denken konnte war diese Frau. Auf dem Hügel angelangt drehte ich mich kurz um, um mich zu vergewissern dass ich richtig lag und vor meinen Füßen fand ich wie vermutet ein kleines Dorf mitten im Urwald, welches von lauter Bäumen umringt war. Ich war zu Hause und rannte los.

 

Hinter ein paar Bäumen hörte ich das Rauschen von Wasser. Konnte das wirklich wahr sein? Das Geräusch wurde immer lauter und mit einem Mal stand ich vor dem Wasserfall aus meinen Träumen. Es war echt und ich stand mittendrin. Vorsichtig sah ich mich um, konnte aber zu meiner Enttäuschung niemanden erblicken. Sie war nicht hier. Vielleicht gab es sie auch gar nicht und ich hatte wirklich nur geträumt. Der Zufall war zwar groß, aber die Tatsache dass ich von diesem Ort geträumt hatte, war ja schon seltsam genug, vielleicht stimmte der Rest einfach nicht.

 

Langsam drehte ich mich herum um wieder zurück zum Dorf zu gehen, als ich bis ins Mark erschrak. Vor mit standen drei riesige Buschmänner, mit Speeren bewaffnet und kaum bekleidet. Ihre Gesichter waren mit Farbe bemalt und ihre Blicke waren finster. Sie machten mir wirklich Angst, doch bevor ich etwas sagen konnte, gingen sie auseinander und SIE stand vor mir. Mein Traum wurde Realität und meine Knie wurden wieder weich, so wie sie es nach meinem letzten Traum geworden waren. Sie stand vor mir, einen halben Meter und bevor ich reagieren konnte, hingen ihre Lippen auf meinen in einem schier endlosen Kuss. Wir hatten uns gefunden und würden uns nie wieder loslassen.

 

In einem langen Gespräch am nächtlichen Feuer erzählte sie mir ihre Geschichte. Auch sie war nicht bei ihren Eltern aufgewachsen. Als sie noch ein Kleinkind war, beschlossen ihre Eltern ihr Heimatland Schottland zu verlassen und in den Kongo zu gehen. Sie waren Wissenschaftler und sie wollten die Tiere des Urwalds erforschen. Eines Tages wurden sie angegriffen und ihre Eltern getötet. Nur sie hatte es überlebt und wurde von meinem Stamm gefunden und großgezogen. Mit 14 Jahren wurde sie verheiratet, doch ihr Mann starb kurze Zeit danach. Seither träumte sie von mir und konnte sich niemandem mehr hingeben. Auch sie hatte nie eine andere Frau geliebt, doch Seelen die zueinander gehören, lassen sich davon nicht abhalten. Sie wusste nicht ob ich existiere oder nur ihrer Fantasy entsprang, aber sie hat auf mich gewartet, so wie mein Herz auf das ihre gewartet hatte. Ich entschied mich, meinen Job aufzugeben und hier zu bleiben und dies war die beste Entscheidung meines Lebens.

 

Wir Zwei, in der Unendlichkeit des Regenwaldes. Ein Traum wurde wahr…

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