Isar und das magische Bild

 

Prinz Isar war der letztgeborene einer langen Reihe Königskinder, die seine Mutter zur Welt gebracht hatte. Seine drei Geschwister, alle samt Brüder; waren um einiges älter als er, denn ein viertes Kind war eigentlich nie geplant gewesen. Er würde niemals den Thron besteigen und würde auch nie irgendeine Verantwortung im Königreich übernehmen müssen. Trotz allem lernte er das Regieren. Er lernte den Umgang am Hofe und Strategien das Königreich zu beschützen und zu führen. Er war ein Prinz, auch wenn er nie Anspruch den Thron haben würde.

Das hatte natürlich auch seine Vorteile. Denn während seine Brüder immerzu am Hofe bleiben mussten, konnte Isar in seiner Freizeit machen was er wollte. Niemand zwang ihn an den Veranstaltungen des Hofes teilzunehmen, wenn er dies nicht selbst wollte und so kam es, dass er viel Zeit mit seinem Diener William verbrachte. Mit den Jahren waren die beiden zu Freunden geworden und verbrachten die meiste Zeit miteinander. Selbst wenn Isar sich mit Dingen beschäftigte, die nur für ihn gedacht waren, blieb William im Hintergrund. Er passte auf seinen Freund auf, denn der König hatte ihm immerhin den Auftrag gegeben, den Prinzen mit seinem Leben zu beschützen und dies hatte er auch vor. Er liebte Isar wie einen Bruder, den er selbst nie hatte und würde solange er lebte an seiner Seite wachen und auf ihn achtgeben.

Die meiste Zeit verbachten Isar und William in der königlichen Bibliothek, die die beiden mit den Jahren zu etwas besonderen haben machen können. Niemand anderes nutze die Bibliothek, weshalb Isar sie zu etwas eigenes umfunktionierte und so kam es, dass sie dort nicht nur lasen, sondern Isar dort auch malte und William mit Zaubersprüchen und allerhand magischen Dingen dort hantierte. Es wurde ein magischer Ort, an dem alles hatte möglich sein können. Ihr eigenes Reich, in dem sie träumen konnten ohne gestört zu werden.

 

Eines Nachts wachte Isar schweißgebadet auf. Seine Träume machten ihm schon seit einigen Monden das Schlafen immer schwerer. Vom Schrecken geweckt, machte er sich auf den Weg zur Bibliothek und fand dort zu seiner Überraschung auch William. Der schon eine ganze Weile an seinem Schreibtisch stand und magische Substanzen ineinander kippte. Auch er hatte in den letzten Wochen Träume gehabt, die ihn nicht schlafen ließen. Wie Isar träumte er von einer anderen Welt. Einer Welt die anders funktionierte wie ihre eigene und in der er immer wieder zusehen musste wie Isar seine Flügel verlor. Er konnte es nicht verhindern.

 

In dieser Nacht sprachen sie das erste Mal über ihre Träume und mussten feststellen, dass sie seit Monaten das Selbe träumten, was sie verunsicherte. Isar machte sich ans malen und William ging wieder an seinen Schreibtisch.

Nach einer Weile schnappte sich William eine seiner magischen Flüssigkeiten und ging langsam um seinen Schreibtisch herum. Er wollte zu einem der Regale an der Wand, doch dabei erhaschte er einen kurzen Blick auf Isar und das Bild, das er seit Stunden malte.

 

Es zeigte eine andere Welt, ein Gewölbe das vom Meer getragen scheint, in deren Mitte immer und immer wieder das gleiche Bild zu sehen war. Wie ein Spiegel, der einen Spiegel zeigte, wiederholte sich das Bild bis unendliche. William erschrak zu Tode.


„ Dies ist die Welt aus meinem Traum“, rief er und lief auf Isar zu. Doch durch seine Nervosität stolperte er, stieß gegen Isar und klippte gleichzeitig seine magische Flüssigkeit über das Bild. In der nächsten Sekunde, veränderte sich alles.

Ihre Umgebung löste sich förmlich vor ihren Augen auf. Sie verschwamm und bildete sich neu. Sie hielten sich aneinander fest und als sie die Augen öffneten, konnte sie nicht glauben, was passiert war. Sie waren in einer neuen Welt. Die Bibliothek lag in der Ferne hinter ihnen. Ein Weg zurück, war nicht zu erkennen und vor ihnen schier endloses daliegendes Wasser. Zu ihren Füßen, das sich wiederholende Bild, das noch immer einem Spiegel glich. Nur dass sie sich selbst nicht sehen konnten.

 

In einer kleinen Ecke, inmitten von einer Ranke Efeu erblickte Isar etwas Glänzendes. Zögerlich griff er danach und hatte einen kleinen Herzförmigen Schlüssel in der Hand. Ohne zu überlegen zog er daran und hielt ihn in seinen Händen. Der kleine Schlüssel, hing an einer langen Silberkette und Isar hing ihn sich um den Hals ohne dich weitere Gedanken zu machen.

 

Im nächsten Moment hörten sie ein Poltern. Die Umgebung hinter ihnen, veränderte sich erneut und verlor sich in der Ferne. Die Bibliothek war mittlerweile gänzlich verschwunden und es taten sich riesige Tore auf. Zu ihrer Überraschung waren sie aber nicht leer. Inmitten der riesigen Tore, stand eine kleine Scharr Wesen, die auf sie zu warten schienen.

 

„Klasse William, das hast du wirklich gut hinbekommen.“ William zuckte zusammen. „Es tut mir leid mein Prinz.“, brummte er und stellte sich einen Schritt vor Isar. Isar aber tat es ihm gleich. „Mach dir keine Gedanken mein Freund. Es war ja keine Absicht und wir scheinen ja willkommen zu sein. Überlass das Reden mir. Und erwähne nicht wer wir sind.“ Bei diesen Worten liefen die Beiden los.

 

Die 100 Meter die zwischen ihnen gelegen hatten, hatten sie schnell hinter sich bringen können, als ihnen auch schon ein herzliches Willkommen entgegen schalte.

 

„Willkommen und seid gegrüßt. Wir sind die Nimmersaar und wir haben schon auf euch gewartet euer Hoheit.“ Isar blickte skeptisch. „Seid gegrüßt“, gab er zurück. „Mein Name ist Isar. Dies ist William.“ „Das wissen wir unterbrach ihn das Wesen. Wir warten schon seit vielen Monden auf euch und es ist wahrlich der rechte Zeitpunkt, das ihr erscheint. Kommt erst mal herein“, dabei machte er einen einladenden Schritt nach hinten. „Dies sei euer Reich, wenn ihr erfolgreich seid.“, sprach er weiter, als Isar und William durch das Tor schritten.

Wieder war es, als würde sich die Realität um sie herum verändern. Aus dem grauen Stein war blauer Himmel geworden und vor ihnen erstreckte sich ein wundervolles grünes Land. Beide schauten wie gebannt auf die vor ihnen liegende Fläche, als William seinen Prinzen ansah und erschrak. „Mein Prinz, eure Flügel!“, rief er aus, woraufhin Isar über seine Schulter blickte. Sie waren weg. Einfach so. Er hatte es nicht mal bemerkt, doch als sein Blick auf William fiel, erschrak er noch mehr. Das kleine affenartige Wesen, das er nur als solches kannte, sah aus wie die Nimmersaar. Seine langen Ohren und sein Schwanz waren ebenfalls weg und er war größer geworden. Fast so groß wie Isar. „Du siehst aus wie… wie…“ „Ein Mensch.“, sprach einer der Nimmersaarner. Isar und William blickten ihn verwirrt an. „Ihr seid Menschen eure Hoheit. So ergeht es allen magischen Wesen, die die Tore von Imsgart durchschreiten. Aber keine Angst, sobald ihr diesen Weg zurück geht, verwandelt ihr euch zurück.“ Bei seinen Worten lief er los und die Gruppe folgte ihm.

 

„Wir sind ein friedliebendes Volk euer Hoheit, doch es blüht Krieg, wenn Prinzessin Lea nicht bald den Thron besteigen kann. Deshalb seid ihr hier. Sie muss noch vor dem nächsten Mond einen Mann gefunden haben und ihn heiraten. Doch eine Hexe hat sie vor langer Zeit verflucht. Es kann nicht jeder Mann sein. Nur ein einziger. Der Mann, der den Schlüssel zu ihrem Herzen findet.“


„Du meinst sprichwörtlich?“, entgegnete Isar. „Nein euer Hoheit. Wäre es doch nur so einfach.“, er seufzte. „Ihr werdet es gleich sehen. Die Prinzessin trägt auf ihrer Brust ein kleines Schloss. Sie wird nur einen Mann lieben und das wird der sein, der ihr den Schlüssel zu ihrem Herzen bringt. Die Geschichten sprechen von einem Prinzen, der eines Tages die Tore zu Imsgart finden wird und das Herz der Prinzessin gewinnen kann. Nur er trägt den Schlüssel zu ihrem Herzen und wird zusammen mit ihr diese Welt regieren.“

 

Mittlerweile war das kleine Grüppchen am Schloss angekommen. Der König und seine Tochter saßen im Thronsaal beisammen und sprachen aufgeregt miteinander, bis Isar den Raum betrat. Alle verstummten und blickten ihm entgegen. Langsamen Schrittes ging er den Gang hinunter und blickte dabei nur in die Augen von Prinzessin Lea. Sie blickte gebannt in seine Richtung. Noch nie hatte sie einen Mann wie ihn gesehen. Noch nie hatte sie ein Gefühl für jemand anderen als ihrer Familie empfunden. Sie konnte lieben, aber niemals war ein Mann dabei gewesen, der ihr Mann hätte werden können.

Diesmal war es seltsam.

 

Lea blickte ihm in seine Augen und wusste, dass etwas anders war. Sie könnte spüren wie das Schloss an ihrem Herzen sich bewegte. Wie ihr Herz darunter zu beben begann und dann fing der Fremde an zu sprechen.

„Eure königlichen Hoheiten. Mein Name ist Isar, Prinz aus dem Land der Engel. Ich bin gekommen um der Prinzessin etwas zu geben, das wohl verloren gegangen war. Eure Gesandten erzählten mir von eurer Geschichte, deshalb bin ich hier“ Sein Blick lag die ganze Zeit auf Lea, auch als er sich verbeugte. Gleichzeitig griff er sich um seinen Hals und nahm die Kette ab, die er an den Toren gefunden hatte. Er blickte auf den Schlüssel und dann auf das kleine Schloss, das die Prinzessin neben ihrem Herzen trug. Wenn er sich nicht täuschte, würde er passen.

 

„Komm zu mir Isar“, schwang Leas Stimme ihm entgegen und er ging langsam auf sie zu. Ihre Blicke ruhten aufeinander und sie wussten beide, dass der Schlüssel passen würde. Es war Liebe auf den ersten Blick. Eine Liebe, die niemals enden, niemals vergehen würde.

Neben ihr angekommen, blickte er ihr noch immer in die Augen. Wieder verbeugte er sich. „Darf ich?“, fragte er sie mit ruhiger Stimme. Sie nickte nur und im nächsten Moment rastete der kleine herzförmige Schlüssel in sein Schloss ein. Es klickte und in der nächsten Sekund fiel das Schloss krachend zu Boden.

 

Alle Anwesenden applaudierten und selbst der König stand Beifall klatschend auf und verbeugte sich vor dem künftigen König. Ohne auch noch einen Moment über die damit verbundenen Folgen nachzudenken fielen sich Isar und Lea in die Arme. Sie hatten einander gefunden, auch wenn zumindest er nie nach ihr gesucht hatte. Nun würde er doch König werden und seiner Bestimmung folgen.

William wurde zum königlichen Vertrauten ernannt und lebte weiterhin mit Isar zusammen in seinem Schloss. Lea und Isar fanden ihr Glück in der gemeinsamen Liebe und herrschten gemeinsam über ihre Welt. Frieden zog ein und nie wieder war von Krieg die Rede gewesen. Leas Vater dankte nach der Hochzeit seiner Tochter ab und lebte weiterhin als Teil der Familie im Schloss und Isar ging hin und wieder zurück zu dem Bild, welches ihn in diese Welt getragen hatte. Hier hatte er die Möglichkeit zu seiner Familie zu reisen und auch sie konnten sich zwischen den Welten frei bewegen.

 

Isar war zu dem geworden, zu dem er eigentlich mal geboren wurde. Ein König. Bis ihn irgendwann seine Kinder ablösen und ein neues Zeitalter beginnen würde.

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