LOVEPARADE

 

 

Es war der 24. Juli 2010, ich war dabei und dies ist meine Geschichte. Mein Name ist Alica und ich bin mittlerweile 25 Jahre alt, glücklicherweise kann man sagen habe ich diese Tragödie überlebt, auch wenn ich die Folgen mein Leben lang tragen werden.

 

Meine Clique und ich waren fast jedes Jahr bei der Loveparade dabei, es war für uns sozusagen der Höhepunkt des Jahres, auch in diesem Jahr sollte es nicht anders sein. Deshalb trafen wir uns auch schon am frühen Morgen, um den Tag zu planen und uns auf die Party vorzubereiten. Meine beste Freundin Lea und ich standen Stunden vor dem Spiegel um das bestmögliche aus uns heraus zu holen, während unsere Freunde Thomas und Micha im Wohnzimmer schon vorglühten. Die Getränke bei uns zu Hause sind nämlich schon immer günstiger gewesen, als wir unterwegs dafür bezahlt hätten. Jedenfalls machten wir uns schon relativ früh auf den Weg nach Duisburg, damit wir auch nichts verpassen würden und so war es auch.

 

Die Party war riesig und die Stimmung super. Ich weiß nicht mehr genau wie lange wir dort waren, aber wir hatten auf jeden Fall eine Menge Spaß. Sicher hatten wir schon am Anfang bemerkt dass nicht alles so super geplant war, da wir sicherlich über eine Stunde warten mussten, bis wir erstmal die Absperrungen passieren durften, aber mal im Ernst, wer konnte denn erwarten was am Ende wirklich passiert ist? Vor allem da am richtigen Veranstaltungsort, also auf dem Platz wo die Wagen und der Gleichen standen, die geilste Party unseres Lebens stattfand.

 

Wir feierten einige Stunden bis es ungefähr kurz vor 16 Uhr war und ich irgendwie keine sonderlich große Lust mehr hatte, den anderen ging es nicht anders und so beschlossen wir uns von dem Gelände zu entfernen und vielleicht irgendwo etwas essen zu gehen, man hätte ja später noch mal wieder kommen können. Heute weiß ich es besser, wären wir doch nur eine halbe Stunde länger geblieben, aber sind wir nun mal nicht.

 

Micha und ich liefen Arm in Arm, genauso wie Lea und Thomas und wir versuchen uns im Blick zu halten, aber es war wirklich sehr voll als wir in den ersten Tunnel hineingingen und es dauerte keine Minute, als wir Lea und Thomas auch schon aus den Augen verloren hatten. Micha und ich berieten uns kurz, aber er meinte wir sollten einfach abwarten, wir würden uns schon am Ausgang wiederfinden, denn immerhin wollten wir ja alle das Gelände verlassen und es gab ja nur einen Ausgang.

 

Recht hatte er ja und die beiden sind ja auch keine kleinen Kinder auf die man hätte aufpassen müssen, also gingen wir weiter hinein und schwammen mit der Menge mit, das ging auch eine ganze Weile gut, zumindest bis wir den Ausgang des Tunnels erreicht hatten. Plötzlich gab es nur noch Stillstand, wir kamen weder vor noch zurück und irgendwie machte mir das ein wenig Angst, Micha jedoch war ganz gelassen und meinte nur ich sollte mir keine Gedanken machen und das obwohl von allen Seiten auf uns eingedrückt wurde.

 

Die Menschen vor uns wollten in den Tunnel rein, die Menschen hinter uns aus dem Tunnel raus. Micha griff nach meiner Hand, damit wir uns nicht auch noch verlieren würden und dann geschah etwas, was wir beide nicht erwartet hatten. Um uns herum brach Panik aus, wir wussten nicht warum, sicher war die Situation nicht sonderlich angenehm, es war sehr voll, man roch den Schweiß der anderen die um einen herum standen und man hatte hier und da mal eine Hand am Hintern oder einen Ellbogen in den Rippen, aber für eine Panik gab es keinen Grund. Jedoch war sie nun mal ausgebrochen.

 

Menschen versuchten aus der Masse auszubrechen und eine Treppe von uns aus gesehen auf der linken Seite zu erreichen und so wurden wir einfach mitgerissen. Ich versuchte mich krampfhaft an Michas Hand festzukrallen, doch es war zwecklos. Innerhalb von Sekunden war auch Micha aus meinem Blickwinkel verschwunden und da stand ich nun allein in der Masse und wusste nicht was ich tun sollte. Nun brach auch Panik bei mir aus. Schweiß bildete sich auf meiner Stirn und ich bekam kaum Luft. Was sollte ich machen? Bevor ich auch nur reagieren konnte, presste mich die Kraft der Masse weiter zur besagten Treppe. Ich musste die Treppe erreichen und hochklettern dachte ich noch, als sich dir Kraft der Messe verlagerte und ich nicht mehr in Richtung Treppe gedrückt wurde, sondern wieder in Richtung Tunnel. Meine Panik übermannte mich und ich schlug wild um mich, ich wollte nicht wieder in den Tunnel, dort war ich mir sicher würde ich an den Wänden Totgedrückt, also versuchte ich mich mit aller Kraft gegen die Masse zu stellen und wieder in die andere Richtung zu kommen. Das jedoch war noch ein größerer Fehler, durch meinen Gegendruck verlor ich das Gleichgewicht und stolperte über einen jungen Mann der schon am Boden lag. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass dort jemand lag bis ich quasi selbst auf ihm lag. Ich versuchte mich zu drehen und lag nun mit dem Gesicht zu ihm wodurch ich bemerkte dass er blau angelaufen war und mir war da schon klar, dass es für ihn keine Rettung mehr gab, denn er war schon tot.

 

Meine Panik stieg ins unermessliche, ich schrie und zitterte am ganzen Körper, aber die anderen Menschen in meiner Umgebung nahmen mich nicht wahr, von überall stürmten Füße auf mich ein und hielten mich am Boden, kein Mensch half mir, ich war völlig alleine. 250000 Tausend Menschen auf dem Weg zur Loveparade oder von ihr weg, und ich habe mich in meinem Leben noch nie einsamer gefühlt. Weiterhin trampelten etliche Menschen auf mich ein und ich versuchte alles um wieder aufzustehen, aber ich schaffte es nicht. Ich hielt andere um mich herum fest, um mich an ihnen hochzuziehen, aber der Druck der Masse war einfach zu hoch und dann stolperte der Nächste über mich, verlor das Gleichgewicht und landete auf mir wie ich vorher auf dem toten jungen Mann unter mir.

 

Das Gewicht einer weiteren Person und den Druck der ständigen Tritte von oben, gaben mir den Rest und ich fiel in Ohnmacht. Ich war mir sicher, jetzt ist es so weit, so fühlt sich der Tod an, doch ich wachte wieder auf. Ich weiß zwar nicht wie ich von dem Platz ins Krankenhaus kam, oder wie die Situation sich wieder beruhigt hatte, aber ich wusste ich war am Leben und das war das Wichtigste. Das ich durch das Gewicht der Anderen meine Beine verloren habe, war da quasi nur Nebensache. Sicherlich ich musste lernen wie man ein Leben ohne Beine führt, aber ich hatte immerhin noch ein Leben und ich hatte weit mehr Glück als mein Freund.

 

Michas Beerdigung war eine Woche später, er hatte noch versucht mich wiederzufinden wurde aber ebenfalls zu Boden gedrückt und hatte nicht das Glück dies zu überleben. Lea und Thomas hingegen waren als wir uns aus den Augen verloren hatten noch mal zurück zu den Festwagen gegangen. Sie dachten wohl, wir täten das Gleiche und haben sich dadurch aus der Gefahrenzone gebracht. Kontakt haben wir seit dem jedoch nicht mehr, diese Katastrophe hat unser alles Leben zerstört. Ich habe nicht nur meine Beine, sondern auch meinen über alles geliebten Freund und meine beste Freundin verloren.

 

Dieser eine Tag hat mich allem beraubt, was mir in meinem Leben wichtig war, nur mein Leben, das hat er mir gelassen. Doch was bringt mir das, wenn ich mich doch seit her allein und verlassen fühle und jeden Tag damit kämpfe mir nicht doch das Leben zu nehmen?

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Kommentare: 2
  • #1

    Intra (Sonntag, 21 April 2013 14:38)

    Wow! Ich "war" bereits nach wenigen Sätzen Alicia und hatte den Eindruck all das selbst zu erleben. Trotz der furchbaren Erlebnisse/Ereignisse bettelt die Geschichte nicht nach Mitleid, das finde ich gut. (Mitgefühl ist gut, Mitleid nicht)
    Toll geschrieben.

  • #2

    Selina Kröger (Donnerstag, 25 April 2013 12:32)

    Danke Intra, das hast du nett gesagt :)