In deinem Himmel

 

Wiederwillig und in langsamen Schritten, bewegte sich Lorelei auf die Predigerkanzel in der ansässige Kirche zu. Diesen Moment hatte sie in den letzten Jahren immer und immer wieder durchgespielt. Sie hatte ihn gefürchtet und manche Nacht unter Tränen immer wieder erlebt, doch das Leben und das tatsächliche Eintreffen der Situation, nahm ihr beinahe die Luft zum Atmen. Durch ihre zugeschwollenen Augen, sah sie nur beiläufig, die mitleidigen Gesichter der Anwesenden und bemerkte kaum, dass ihr Mann ihr helfend unter die Arme griff, um sie zu stützen.

 

An der Kanzel angekommen, wachte sie für einen Moment aus ihrer Starre auf und fragte sich, wie sie ihren Weg hierher überhaupt gefunden hatte, doch es war nicht wichtig. Sie war wo sie war und müsste das tun, was getan werden musste.

 

„Liebe Angehörige… Freunde und Familie. Wir sind heute hier…“ Sie stockte für einen Moment und versuchte ihr letztes bisschen Fassung zu bewahren. „ … um uns von einem von uns geliebten Menschen zu verabschieden. Einen Menschen, der viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde und der für seine jungen Jahre viel zu viel Leid hatte ertragen müssen.

 

Wir trauern um Lyra, unseren geliebte Tochter, Schwester, Enkelin und Freundin. Sie hat in den wenigen Jahren, die sie erleben durfte unzählige Rückschläge und Niederlagen einstecken müssen und doch, war sie immer unser kleiner Sonnerschein. Für ihre elf Jahre, musste sie, durch den stetigen Kampf ums Überleben, viel zu früh erwachsen werden und schaffte es dennoch, die kurzen und wenigen glücklichen und kindlichen Momenten zu genießen. Ihr Weg war hart und steinig, doch sie ging ihn immer erhobenen Hauptes, bis sie schlussendlich, nach fast zwölf Jahren, den Kampf gegen den Krebs verlor.

 

Hier im Angesicht ihres Todes möchte ich euch nun, aus ihrem Leben erzählen.

Schon bei ihrer Geburt wussten wir, dass etwas nicht stimmen konnte. Die Ärzte, die sie zur Welt geholt hatten, verschwanden mit ihr in einem anderen Raum und redeten aufgeregt aufeinander ein. Ein paar Tests später hatten wir Klarheit. Nicht nur, dass sie schon sichtbare Tumore hatte, auch Leukämie hatte den Weg in ihren kleinen, zierlichen Körper gefunden. In diesem Moment wussten wir, was für ein Leben auf unsere Prinzessin zukommen würde, aber wie liebten sie und wussten, dass wir alle um jede einzelne Sekunde glückliches Leben kämpfen würden.

 

Natürlich wusste Lyra, dass sie krank war. Sie wusste auch, dass sie niemals erwachsen werden würde, aber trotz allem versuchten wir alles, ihr ein so normales Leben wie nur eben möglich zu bescheren.

 

Sie ging in eine normale Schule, spielte mit ihren Freundinnen und lernte auch Verantwortung zu übernehmen. Genaugenommen, war sie wie jedes andere Kind, solange sie gute Tage hatte. An den schlechten konnte sie kaum ihr Bett verlassen und stand oft genug kurz davor aufzugeben. Es flossen Tränen und die Verzweiflung war groß, aber der Wunsch nach Leben blieb bis zu letzt.

 

Sie tanzte, liebte die Musik und singen konnte sie, wie ein kleiner Engel. Oft genug führte sie Choreographien auf und genoss es im Mittelpunkt zu stehen. Sie war ein fröhliches Kind. Außergewöhnlich und aufgeschlossen neuen Dingen gegenüber. Reiten hatte sie gelernt und das Spielen eines Klaviers. Ja… selbst klettern hatte sie lernen wollen.“

 

Lorelei schwieg. Die Kirche lag totenstill vor ihr und zahlreiche Augen waren mit Tränen erfüllt. Sie hatte noch so viel sagen wollen. So viele Dinge, die sie für immer in ihrem Herzen weiter tragen würde, aber es wurde Zeit. Egal welche Worte sie noch finden würde, sie müsste ihre kleine Tochter doch gehen lassen. Noch einmal holte sie Luft, bis sie wieder zu reden anfing:

 

„Lyra mein Kind. Wir alle werden dich für immer in unseren Herzen und Gedanken haben. Aber nun wird es Zeit dich gehen zu lassen.

 

Schließ die Augen wenn du jetzt gehst und bewahr ein Platz für mich in deinem Himmel.

 

Du wirst schön sein

Und du wirst stark sein

Und du wirst Lieder singen, die Wärme bringen mit Sonnenstrahlen aus Gold

Und du wirst heil sein

Und du wirst hell sein

Und mit den Sternen ziehn und nie verglühen und lächeln wenn du träumst

Schließ die Augen wenn du jetzt gehst werd ich dich wieder sehn in deinem Himmel

 

Und du wirst laut sein

Und du wirst leicht sein

Denn du bist Heim gekehrt und unbeschwert mein Licht in dunkler Nacht

Und du wirst froh sein

Ja du wirst frei sein und du wirst Burgen bauen nur vorwärts schauen befreit von all der Last

Schließ die Augen wenn du jetzt gehst bewahr ein Platz für mich in deinem Himmel

 

Es wird Still sein

Und es wird kalt sein

Und es wird Regenzeit im grauen Kleid hier unten ohne dich

Ja es wird lang sein

Und es wird hart sein doch ich hoff irgendwo im Morgenrot dort wartest du auf mich

Ich schließ die Augen und träum mich fort bewahr ein Platz für mich in deinem Himmel

 

Oh schließ die Augen wir sehen uns dort und leiden nimmer mehr in deinem Himmel.“

 

Diese Beerdigung würde wohl niemand der Angehörigen je vergessen, doch das Leben ging weiter. Bis alle in ihrem Himmel wieder vereint sein würden.