Vermiss mich

 

Es regnete als er mit gesengtem Kopf durch die Straßen ging. Oft hat er gehofft, irgendwann sogar gebetet, dass alles anders wär, doch das Leben das er lebte, blieb wie es war. Sie war schon lange weg, war gegangen als sie ihn nicht mehr ertragen konnte, aber er wünschte weiterhin jede Nacht, dass sie wieder neben ihn liegen und zu ihm zurückkommen würde. Jeden Abend hörte er die gleichen Lieder. Ihre Lieder. Lieder die sie Beide in ihrer Zeit gehört hatten und er konnte nicht fassen dass es vorbei war, nicht verstehen, dass sie ohne ihn einfach von vorn anfangen konnte.

 

Es krachte. Wie aus einem Traum erwachte er und sah sich um. Die Straße auf der er schon eine ganze Weile regungslos stand, war ihre Straße. Die in die sie gezogen war, nachdem sie ihn verlassen hatte. Sie fing von vorne an, ob er das nun glauben konnte oder nicht. Traurig blickte er in Richtung ihrer Wohnung. Es brannte Licht also war sie daheim. Ob sie ihn auch vermisste?

 

Wie in Trance brach er mitten auf der Straße zusammen, ging auf die Knie, und flüsterte:

 

„Lieb mich, wie du mich mal geliebt hast! Berühr mich, wie du mich berührt hast!“ , seine Stimme versagte und er setzte erneut an: „Ich will dich, ich weiß es ist nicht richtig. Hass mich, aber vergiss mich nicht!“ , seine Stimme versagte, während ihm die Tränen am Gesicht herunter rannen. Sie hörte ihn nicht. Sie sah ihn nicht und er kniete weiter regungslos im Regen.

 

Nach Stunden war er endlich wieder zu Hause. Das Licht gedimmt, trocknete er seine Tränen und seine Kleidung, war er doch von oben bis unten durchnässt. Er zog sich um und ging dann in die Küche. Auf seinen Tisch stellte er wie jeden Abend zwei Gläser und füllte sie mit Wein. Als ihm klar wurde, dass er es wieder getan hatte, musste er sich erstmal setzen.

 

„Ob sie auch immer für zwei einschenkt und es nicht merkt? Geht sie nie bei mir vorbei und schaut ob noch Licht brennt? Und ruft sie nie heimlich an? Wartet stundenlang? Ich weiß es ist krank aber ich kann nicht glauben, dass sie nicht mehr an uns denkt. Kein Gefühl, sie ohne mich von vorn anfängt.“ , seine Gedanken rasten, aber er würde doch keine Antwort bekommen. Sie redete schon lange nicht mehr mit ihm und damit musste er leben. Auf die ein oder andere Art. Er schaltete das Licht aus und setzte sich an sein Fenster. Von dort hatte er die beste Sicht auf das, was in der gegenüberliegenden Wohnung passierte.

 

„Ist er wieder da?“ , die Stimme ihrer Freundin klang mindestens genauso ängstlich wie sich ihre eigene wohl anhörte. „Ja ich denke schon. Das Licht ist aus, aber ich schwöre dir er beobachtet mich.“ „Es war richtig dass du dich von ihm getrennt hast, daran darfst du nicht zweifeln. Auch wenn er dir Angst macht Stella, oder grade weil das so ist, darfst du nicht mal daran denken zu ihm zurück zu gehen. Wer weiß, was er mit dir anstellt, wenn er erst wieder in deiner Nähe ist.“ „Du hast ja recht, aber was soll ich machen? Ich bin ausgezogen. Weg von ihm, weg von seiner Wohnung und seinem Einfluss, aber er hat mich gefunden“ , ihre Stimme klang fast panisch. „Er hat mich gefunden. Verstehst du nicht? Er wird keine Ruhe geben, bis er mich wieder hat. Er hat die Wohnung gegenüber gemietet, da bin ich mir sicher. Ramona ich hab Angst. Wirklich panische Angst. Er ist zu allem fähig und niemand tut etwas. Die Einstweilige Verfügung hat ihren Zweck verfehlt. Er ist einfach ein zu hohes Tier.“ Sie fing an zu weinen. „Ich bin bei dir Stella und ich lasse dich damit nicht alleine.“ Sie fielen sich in die Arme. „Und ich passe auf dich auf. Er wird dir nicht wehtun. Das kann er gar nicht, weil ich dich nicht aus den Augen lasse, bis du vor Gericht Recht bekommst. Auch wenn er Richter ist, kann er sich nicht alles erlauben. Wir bekommen ihn klein.“

 

Ramona war sich sicher, dass sie die Situation unter Kontrolle hatte, doch wie sich bald herausstellen sollte, hatte sie dies keinesfalls. Eine Woche später verschwand Stella spurlos. Die Polizei durchsuchte seine Wohnung, aber konnte nichts Verdächtiges finden. Dadurch dass er selbst täglich bei Gericht war, kannten ihn die meisten Polizisten und auch der Polizeichef tat nur das Nötigste, wenn es um ihn ging. Es gab keine verwertbaren Spuren. Nichts dass nur im Ansatz auf ihn hätte zurückfallen können. Die einzige Verbindung, war die jahrelange Beziehung, zwischen ihm und der Vermissten.

 

Er trauerte. Trauerte um die Beziehung, um das junge Mädchen das seine Geliebte mal gewesen war und mimte perfekt den Verlassenen, während er sich im gleichen Moment auf machte, sie in ihrem Kerker zu besuchen.

 

„Lieb mich, wie du mich mal geliebt hast! Berühr mich, wie du mich berührt hast! Ich will dich, ich weiß es ist nicht richtig. Hass mich, aber vergiss mich nicht…“

Er schloss die Tür. Jetzt war sie sein und würde es immer bleiben.

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