© liegt bei Selina Kröger

und

Monika Schötz

Die Unzertrennlichen

 

Wir in der Redaktion haben uns vor einiger Zeit Gedanken darüber gemacht, wie unterschiedlich teilweise die einzelnen Menschen  dieselben Situationen bewerten, aus diesem Grund haben wir uns auf die Suche gemacht. Auf die Suche nach Menschen, die verschiedener nicht sein können, die aber gemeinsam durchs Leben gehen und in derselben Situation leben. Dies sind ihre Geschichten:

 

John Tempel, 38 Jahre, ehemaliger Berufskraftfahrer, Verwitwet nun ledig, hatte eine Tochter

 

Als ich meine Augen öffne, ist alles wie immer. Grau.

Es dauerte lange bis sich der Schleier um mein Kopf legt und ich feststellt dass es die morgendliche Sonne war die mich geweckt hat. Grässlich schon diese frühmorgendliche Belästigung.  Da sitze ich nun. Wieder einmal. Alleine unter meiner Brücke. Die anderen haben sich wohl schon lange auf den Weg gemacht, jedenfalls sitze ich alleine hier. Alleine unter meiner Brücke und niemand ist bei mir. Ich schließe die Augen und versuche mich zu erinnern. Sehe ihr Lachen, ihre Augen und lass meinen Tränen freien Lauf. Wie eben jeden Morgen. Ich igle mich noch mal ein und versuche die grässliche Sonne zu ignorieren und ein weiteres Mal mich meinen Träumen hinzugeben. Das Leben ertrage ich schon lange nicht mehr. Das Lachen der Anderen quält meine Seele. Die Sonne verhöhnt mich und lässt meine Trauer noch größer werden. Mein Magen knurrt, immerhin habe ich schon seit Tagen nicht mehr gegessen, aber es ist mir auch egal. Es ist unwichtig. Denn alles ist unwichtig seit sie nicht mehr bei mir sind.

 

Ich war Berufskraftfahrer, meine Frau Ulrike begleitete mich hin und wieder. Auch nach ihrer Schwangerschaft, auch wenn es seltener wurde. Eines Tages, es war ein Mittwoch, nahm ich sie Beide mit auf Tour. Ulrike wiegte Lea in ihren Armen, als einer der Reifen platze und der Lkw ins Schleudern kam. Wir kamen ab von der Straße und fielen in einem Graben. Es war meine Schuld, denn ich konnte ihr nicht mehr helfen. Da lag sie, sterbend in meinem Armen und das veränderte mein Leben. Ich habe alles verloren. Alles was mir lieb und teuer war und landete hier.

 

Ich weiß nicht wie oft ich schon versucht habe mich umzubringen, aber es will mir einfach nicht gelingen. Also fing ich an zu Trinken. Der Alkohol betäubt den Schmerz. Dabei ist alles was ich tue sinnlos. Alles.  Ich sehe andere Menschen. Andere wie meinen Freund Joshua, die glücklich durch ihr Leben gehen und die schönen Dinge des Lebens wahrnehmen. Für mich ist schon lange nichts mehr schön. Selbst die Sonne, deren warme Strahlen in diesem Moment meinen Körper wärmen,  brennen auf der Haut. Der Schmerz ist fast unerträglich.

 

Schwerfällig packe ich meine Sachen zusammen, ich muss etwas essen und trinken. Ich schaue in meine Taschen. Geld habe ich keines mehr, also muss ich zum Schnorren in die Stadt. Wie ich dieses Leben hasse. Die Menschen um mich herum verachten mich. Blicken auf mich herab und halten sich für etwas Besseres. Wenn ich so drüber nachdenke, sind sie das wahrscheinlich auch. Stunden verbringe ich damit auf der Straße zu sitzen und um Geld zu betteln. Ich hasse mich dafür. Hasse die Straße auf der ich sitze. Hasse das Essen, das den Hunger stillt und den Alkohol, der mir mein Hirn vernebelt und mir immer mehr meiner Erinnerungen nimmt. Aber ich kann nicht anders. Dies ist nun mal mein Leben und ich hab es nicht anders verdient. Ich hab meine Frau und meine Tochter auf dem Gewissen. Und doch lebe ich. Ein anderes Leben, als das Meine hätte ich nicht verdient.

 

Habe mich dazu entschlossen nicht länger auf der Straße zu sitzen und begebe mich in den nahegelegenen Park. Die Menschen dort scheinen so glücklich. Sitzen auf ihren Decken und preisen ihre Liebe. Wie ich sie hasse. Die Liebe, das Glück das sie haben. Ich hasse es. Und kann es nicht ertragen.

 

Nach langem Überlegen gehe ich wieder zu meiner Bücke. Joshua wollte heute Abend zu mir kommen. Der einzige Freund den ich noch habe. Der einzige Mensch der mich und den ich nicht hasse, doch Freund ist sicher nicht das richtige Wort. Ich dulde ihn an meiner Seite, weil ich weiß dass nur er mich am Leben hält. Er sieht nicht alles Schwarz, so wie ich. Er kennt auch heute noch das Glück.

 

Ich schließe meine Augen. Irgendwann wird er schon hier auftauchen, ich aber ertrage die Helligkeit nicht mehr und vergrabe mich unter meiner Decke. Sie stinkt. Genauso wie ich stinke und der Boden ist hart auf dem ich liege. Tiefer geht’s einfach nicht mehr. Aber ich hab es nicht anders verdient.  Ich nicht, denn ich bin Schuld an allem Schlechten in meinem und dem Leben der Menschen die mich kannten. Ich bin es nicht wert. Das Glück liegt bei den Anderen….

 

Joshua Müller, 61Jahre, ehemaliger Industriemeister, Verwitwet nun ledig, hatte einen Sohn

 

Heute ist eigentlich ein ganz normaler Tag, in meinem Leben. In der letzten Nacht, ist es ruhig und still gewesen. Keine störenden Zwischenfälle, alles ist wie gewohnt abgelaufen. Wie jeden Tag stehe ich auch heute von meinem Schlafplatz, der braunen Parkbank in der Grünanlage, auf. Entferne die Zeitung in der ich die Nacht lag und die mich ein wenig vor dem Wetter geschützt hat. Wie spät es ist kann ich nur raten. Eine Armbanduhr, besitze ich nicht. Auf jeden Fall ist es schon hell. Durch die Kälte bin ich ganz starr und ich friere, darum gehe ich, wenn ich richtig  zu mir gekommen bin, gleich hier ein wenig im Park spazieren. Das Gehen wärmt meinen Körper auf und ich schaue ob sich was getan hat, oder es hier in der Nähe neues gibt.

 

Ich bin Joshua Müller, aber hier interessiert das niemanden, mein Nachname tut nichts zur Sache. Der zählt hier nicht, es redet mich hier auf der Straße jeder mit meinem Vornamen an.

 

Dafür dass ich als Obdachloser lebe, schäme ich mich nicht, denn ich liege dem Staat nicht auf den Taschen. Sehe den Sachverhalt aus dieser Perspektive, ich habe gearbeitet und meine Steuern bezahlt. Nun würde ich eigentlich Geld bekommen, aber ich nehme es nicht an und halte mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

 

Was diese Arbeiten angeht, so mache ich alles, auch wenn ich überqualifiziert bin. Trage Zeitungen oder Flugblätter aus, bediene in Gaststätten oder spüle Geschirr in Hotels ab. Allerdings, wenn es wirklich nicht anders geht und über den Winter keine Arbeit gefunden wird, dann gehe ich zum Schnorren. Das ist eigentlich nicht richtig, dieses Denken habe ich immer schon, aber oft, ist mir nichts anderes übrig geblieben. Lieber biss ich in diesen sauren Apfel, denn ich sehe täglich Frauen hier auf der Straße, die ihren Körper verkaufen. Es ist für sie eine Möglichkeit, auch über die Runden zu kommen, in der schweren Zeit. Seit vielen Jahren, ist die Straße nun meine Heimat, der Platz wo ich mich wohlfühle, in Sicherheit und geborgen bin.

 

Mir fallen viele Vorteile ein, die für diese Situation sprechen, vor allem genieße ich meine Freiheit. Auch schulde ich niemand mehr Rechenschaft über meine Aktivitäten. Ganz sicher hatte ich es nicht so geplant, ich wollte mal reich und erfolgreich werden. Schließlich verdiente ich, zu damaliger Zeit gut als Industriemeister, hatte eine Frau und einen Sohn. Doch nun im Endeffekt, nehme ich es so hin, das Schicksal hatte da seine Hände im Spiel.

 

Heute habe ich das Gefühl, dass noch was passiert, das ich nicht mehr vergessen werde. Jeder Tag ist eine Achterbahnfahrt, man weiß nicht was passiert, was das Leben für Überraschungen bereitet. Mich freut dass heute die Sonne scheint und die Blätter an den Bäumen herrlich glitzern. Das kann doch nur ein ganz himmlischer Tag werden. Die kleinen Dinge erfreuen mich: Das Lachen von Kindern, ein kleiner Marienkäfer auf einer Sonnenblume und das schnattern der Gänse. Ich sehe so viel in der Natur, wo ich zu jeder Stunde des Lebens strahlen kann.

 

Auch heute habe ich noch was vor zu späterer Stunde, so gegen 20 Uhr, treffen wir Obdachlose uns und setzen uns gemütlich unter einer Brücke am Seeufer, vor einem Lagerfeuer zusammen. Es wird gemeinsam gekocht, gegessen, musiziert und geredet.

 

Am meisten aber freue ich mich dass mein bester Freund John für heute Abend zugesagt hat. Früher habe ich immer wieder versucht unter zukommen, wieder Arbeit zu finden, leider nahm mich keiner mehr mit meinen 52 Jahren. Derzeit bin ich schon 61, nehme die Wochen, wie sie kommen. Über jeden Tag, den ich noch lebe, bin ich froh. Die Zukunft wird beschwerlicher von Jahr zu Jahr, doch ich blicke zuversichtlich nach vorne.

 

Immer wieder sage ich zu mir selbst, ein alter Baum, der lässt sich nicht mehr verpflanzen. Sondern er möchte zur Ruhe, Einkehr und Besinnung kommen.

 

Das Leben ist lebenswert es spielt keine Rolle, wie alt oder jung man ist. Die gefühlte Energie, erlebe ich gerade an der frischen Luft oder am Abend, wenn ich die Sterne sehe, die mir schöne Träume senden.

 

Sogar da verfolgen mich die Gedanken um die Menschen, die in meinem Herzen sind. Sie sind der ersten Gedanke am Morgen, der letzte am Abend, bevor ich einschlafen kann. Wisst ihr die Liebe, kann vergehen, aber Freundschaft nicht. Am meisten ist das ja immer mein bester Freund über den ich nachdenke und den ich auf meinem Weg zur Zukunft, niemals verzichten könnte, weil er schaut dass ich am Boden bleibe und nicht abhebe und davon fliege. Er ist so anders wie ich, das glatte Gegenteil, aber man kann einfach mit ihm Pferde stehlen, ihm alles anvertrauen von früher.

 

Was ich auch eventuell noch schaffe, da ja noch ewig hin ist bis heute Abend, wäre eine ehemalige Arbeitgeberin zu fragen , ob sie noch Reste vom Kantinenessen haben und diese dann mit zu nehmen, um heute Abend ein wenig essen zu können. Wobei ich aber, wenn ich bei ihr bin, sicher ein wenig mehr Zeit brauche, da wir uns immer sehr nett unterhalten.

 

Vor allem aber darf ich nicht als letzter zum Treffen kommen. Überlege was ich noch für eine Alternative hätte: Einkaufen fällt flach, weil gähnende Leere im Geldbeutel herrscht und borgen kann ich mir auch von niemanden was. Es bleibt dann nur noch gar nichts zu essen oder eben dann da vor Ort zu schauen, ob man irgendwie eine Bratwurst oder eine halbe Semmel bekommt.

 

Eine Möglichkeit wäre aber auch dass ich mir einen Platz suche, wo ich in Ruhe das gefundene Buch lesen kann. Staunte nicht schlecht, als ich gestern ein Buch am Hauptbahnhof im Abfallkorb liegen sah, das war ein Sechser im Lotto, sogar der Titel hört sich gut an

 

„Ich darf nicht einschlafen“.

 

Leider kann ich mir von dem wenig Geld das ich habe, keine Bücher kaufen und nicht mal zum Ausleihen in einer Bibliothek reicht es. Dadurch freut mich das enorm. Einfach schön, dass ich nun schon 3 Stück mein Eigenen nennen kann. Geschrieben habe ich früher schon gern. „Kitschig“, sagten dann immer einige zu mir. „Damit kannst du dir keine Brötchen verdienen.“ Diese Aussage war noch harmlos, aber das was sie noch sagten, hat mich abgeschreckt weiter mit Anderen darüber zu reden. So wirklich sein lassen, habe ich es aber auch hier auf der Straße nicht. Auf gefundenen Einkaufszetteln habe ich hinten auf der Rückseite was darauf geschrieben, oder eben auf Taschentüchern. Wenn ich wirklich etwas Geld hatte, dann kaufte ich mir ein kleines Schreibheft, wo einfach alles was ich hier erlebe reingeschrieben wird.

 

Die Not macht erfinderisch und weckt den lebhaften Geist. Geschichten und Gedichte. Damit angefangen habe ich erst sehr spät, aber nun ist das Schreiben für mich unersetzlich geworden, da ich alles einfach dem Papier anvertraue.

 

Ich frage mich oft wie ich das alles so richtig genießen kann ohne die Liebe, die mir das Leben genommen hat. Die Gedanken an sie, habe ich noch immer hier drin, in meinem schlagenden Herzen. Meine Frau hätte mich auch hier unterstützt und wäre da gewesen, wie ein Engel, der sie immer für mich und ihre Familie war. Die ganze Familie hat sie immer zusammen gehalten und um sich versammelt und kein klagendes Wort kam von ihren Lippen.

 

Schluss nun, ab und an kommen doch einfach Gedanken an damals auf, aber ich möchte diese auch nicht verdrängen, sondern lebe mit der Vergangenheit. In den Träumen sehe ich sie ja so oft ich will wieder, dann fühle ich mich mit ihr lebendig.

Das gefundene Buch halte ich schon, während des gesamten Spaziergangs, in den Händen. Gleich bin ich an der kleinen Holzbrücke angelangt, dort werde ich mich auf eine Bank niedersetzen und dann mich in das Buch vertiefen.

 

Ganz in Gedanken versunken, konzentriere ich mich auf den Inhalt des Buches, wer vorbei geht oder was um mich geschieht, bekomme ich nicht mit. Wieder blättere ich um, bin schon gleich bei der Hälfte des Buches angekommen. Jedoch kann ich mir den anderen Teil des Buches auch in Ruhe morgen durch lesen. Nun breche ich zu meiner ehemaligen Chefin auf kann dann auch sofort  klären, ob sie mich nächsten Monat wieder zum Arbeiten brauchen kann.

 

Weit ist es ja nicht von hier entfernt, vielleicht geht man eine halbe Stunde zu dem Hotel am See, das ihr gehört. Nach 10 Minuten gehen, komme ich zu einer Kirche und wie es der Zufall will, schlägt gerade die Kirchenuhr. Es ist nun 17 Uhr und so bleibt auch noch jede Menge Zeit für ein Gespräch mit meiner ehemaligen Chefin und den Angestellten.

 

Angelangt  am Hotel, sehe ich mich zuerst um, was sich Neues hier getan hat. Der Blick schweift über das Gelände und ich habe die Chefin Conny entdeckt, sie bedient gerade auf der Sonnenterrasse Gäste und winkt rüber zu mir. Schnellen Schrittes gehe ich zu ihr und begrüße sie herzlich. Dann schlendern wir Arm in Arm rein in ihr Büro. Ein langes Gespräch führen wir beide und ich höre raus, dass ihr hier ein guter Mann gefehlt hat. Sie möchte am liebsten schon, dass ich gleich auf der Stelle anfange. „Es gibt so viel Arbeit hier, wir brauchen dich“, sagt sie. Ich freue mich über ihre herzlichen Worte, erkläre ihr aber, dass ich nur auf der Parkbank schlafe und einfach keinen geregelten Zeiten gewöhnt bin. Da lacht sie aber nur und erwidert, ich könne hier im Hotel schlafen, in einem kleinen Zimmer, so wie ich es damals auch konnte. Für sie war das ein selbstverständlicher Vorschlag und für mich war es ein kleines Wunder zu wissen, dass ich den Winter über, in einem warmen Bett schlafen kann. Voller Freude bedanke ich mich bei ihr und nehme ihr Angebot an.

 

Ich frage sie noch nach etwas zu Essen und sie gibt mir Semmeln vom Vortag und 3 Packungen Bratwürste und sogar ein wenig Obst mit.

 

Alles packe ich fein säuberlich ein in meinem Rucksack, dann mache ich mich auf dem Rückweg. Nun zeigt mir die Uhr der Kirche  fünf Minuten vor halb 8 an. Jetzt muss ich in die andere Richtung abbiegen um meinen Freund John abzuholen. Der wird aber nun schauen, was ich alles bekommen habe, vielleicht bringe ich ihn sogar dazu, dass er sich mal freut.

 

Nicht mal mir hat er seine Geschichte ganz erzählt, aber das muss er auch nicht, es läuft uns nicht davon, wir haben genügend Zeit, wenn er sprechen will, bin ich da und höre ihm zu. John wohnt in einem sehr düsteren Teil der Stadt unter einer Brücke, langsam bewege ich mich unter dem Gemäuer und bin sehr vorsichtig wem ich hier begegne. Mit vielen ist hier nicht gut Kirschen essen und einige sind extrem gefährlich, ich halte meinen Blick gesenkt und schaue keinem der an mir vorbei geht, direkt in die Augen.

 

Wo liegt John denn nun, ich sehe ihn gar nicht. Weiter schweift mein Blick über die hier liegenden Menschen, wo er normalerweise zu finden ist. Endlich habe ich ihn entdeckt, John dort drüben liegt er unter einer Decke und ich setze mich zu ihm. Er hatte geschlafen, aber nun erblickt er mich und setzt sich auf. Schweigend läuten wir den Abend ein. Der Optimist und der Pessimist. Seite an Seite. 

 

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