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und

Selina Kröger

Opferkind:

 

Nein, Ihr erinnert Euch nicht mehr an mich. Oder vielleicht, wenn Ihr Eure elitären Treffen abhaltet. Dann kommen die alten Geschichten wieder hoch, die aus der Schule. Dann lacht Ihr Euch wieder kaputt. Über den dicken, unsportlichen Jungen mit der großen Brille. Als er versucht hat, beim Sportunterricht über den Kasten zu springen und jedes Mal gescheitert ist. Dann habt Ihr gegrölt und gejuchzt. Und in der Pause habt Ihr mit dem Finger auf mich gezeigt, getuschelt und gelacht, während ich alleine in der Ecke stand und meine Brote in mich reinstopfte. Und in der Klasse war ich es, der jeden nassen Schwamm abbekam. Mindestens einmal in der Woche musste ich mein Fahrrad aufpumpen, als ich nach Hause radeln wollte. Mit der Schere habt Ihr mir Löcher in die Badehose geschnitten. Nein, verprügelt habt Ihr mich nie. Aber ich war Euer Opferkind, bei jeder Gelegenheit, die sich anbot.

 

Ja, und dann war da dieser besondere Tag. Ich schob mein plattes Fahrrad nach Hause. Und plötzlich warst Du da, alleine. Das blonde Gift der Klasse, die Prinzessin der Klasse, die rumknutschte und machte. Und Du warst da, neben mir und sprichst mich an. Erzählst, wie leid Dir das alles tut und Du das alles nicht wolltest. Du hast mich gefragt, ob ich mit Dir in den Park gehe. Natürlich bin ich mitgetrottet, ohne mir Gedanken zu machen. Habe mich zu Dir auf die Wiese gesetzt und Dir zugehört. Dann hast Du mich geküsst. Ich kannte das nicht. Alles merkwürdig neu. Du hast meine Hand auf Deine feste Brust gelegt, mich gestreichelt, überall. Irgendwas stimmte nicht, dass wusste spürte ich, aber gewehrt habe ich mich nicht. Ich habe mich nie gewehrt. Auch nicht, als Du meine Hose ausgezogen hast.

 

Und plötzlich drehst Du Dich weg. Und von überall kamen Sie her, nahmen meine Hose, warfen sie sich zu, lachten, johlten, fotografierten.

 

Ich bin nie mehr in diese Klasse, in diese Schule gegangen.

Das ist 25 Jahre her. Den dicken Jungen gibt’s nicht mehr, die Brille auch nicht. Und das Opferkind ? Ich lächle vor mich hin. Das wirst Du sein, blondes Gift, genau heute, nach 25 Jahren.

 

Ich habe Dich wiedergefunden, über das Internet natürlich. Das Internet findet jeden. Unauffällig bin ich Dir gefolgt. Habe dort mitbekommen, wie Du Allen und Jedem immer noch den Kopf verdrehst. Du stehst im Mittelpunkt und nimmst Dir, was Dir gefällt. Es war einfach, Dich auf mich aufmerksamen. Ich passe in Dein Schema: Groß, sportlich, erfolgreich und dem Abenteuer offen.

 

Du warst schnell bereit, Dich mit mir in dieser Bar auf einen Drink zu treffen. Und warst auch bereit, mich danach in den Club zu begleiten. Du warst neugierig, wie es sein wird. Ein kleiner exklusiver Club, wo man sich freizügig trifft, nur mit einer Maske als Kleidungsstück. Alles ist dort erlaubt, erzählte ich Dir. Und Du wolltest alles, Du bekommst alles.


Schon beim Drink hast Du mir all die kleinen schmutzigen Dinge erzählst, die Du tun möchtest.

 

Wir fuhren mit dem Taxi in diese unwirkliche Industriegegend. Du warst nicht misstrauisch, nein, ganz im Gegenteil.

 

Der Eingangsbereich war in rot und schwarz gehalten, nur Kerzenlicht empfing uns. Eine fast nackte Frau, zeigte uns den Garderobenbereich und erklärte uns, wo wir dann hin sollten. Wir trafen uns an der Bar. Überall um uns herum, nackte Menschen mit Masken. Ich entschuldigte mich für einen Toilettengang, ging raus und gab einem Mann ein Zeichen, dass sie beginnen dürfen. Sie taten es, Du spieltest erst mit, dann spielten sie mit Dir. Jeder, immer wieder.

 

Ich habe es mir zu Hause angeschaut, auf dem Live-Stream, den ich überall angekündigt habe. Jeder konnte es sehen, ich habe alle Deine Freunde und Kollegen über Email informiert.

 

Ich bin danach nie mehr in Deiner Stadt gewesen, Prinzessin. Du auch nicht.

 

Du willst alles? Du bekommst alles!

 

Was war denn nur passiert? Melissa konnte sich nicht mehr erinnern. Irgendwas war passiert, ein fremder Mann und dann? Nur Leere. Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er mit voller Wucht gegen eine Wand gelandet. Wahrscheinlich war es auch das, was passiert war. Sie ging in diesen Club, wollte einfach nur ihren Spaß. Immerhin bekam sie immer was sie wollte. Und dann war da dieser Mann. Unglaublich sexy und wahnsinnig hübsch. Eigentlich der perfekte Kerl für sie. Was war denn dann nur passiert? Immer wieder kamen Bruchstücke der Erinnerung in ihr hoch. Aber alles ergab keinen Sinn für sie. Da waren Masken und nackte Körper. Sie wollte alles und bekam alles. Doch was war das?

 

Gestern Abend traf sie sich mit diesem tollen Kerl. Er erinnerte sie an etwas, doch was konnte sie nicht genau sagen. Sie vertraute ihm und lies sich von ihm leiten. Sonst war sie die Dominante. Sie war es die die Richtung vorgab und klar und deutlich machte, was sie wollte. An diesem Abend war das anders. Er was geheimnisvoll und vertraut und sie ließ ihn gewähren. Gleichzeitig, ließ sie ihn wissen, was sie alles mit ihm machen würde, als er etwas von einem Club erzählte. Alles schien so spannend und verboten, was sie noch mehr reizte.

 

Im Club angekommen, wurden sie freundlich begrüßt und mit den gewünschten Utensilien ausgestattet, bevor sie sich in einer kleinen Kammer entkleidete. Nur mit der Maske im Gesicht, machte sie sich auf die Suche nach ihrem Begleiter und fand ihn schnell. Zusammen gingen sie hinein. Dass nur einer von Beiden, den Raum wieder verlassen würde, wusste nur er. Kaum das sie den Raum betreten hatten, verließ er ihn auch schon wieder unbemerkt. Die anwesenden Männer bewegten sich fast zeitgleich auf sie zu. Sie wollte alles und bekam alles.

 

Zuerst vorsichtig und zurückhaltend kreisten die Anwesenden um sie herum. Sie war der Mittelpunkt. Ganz wie sie es gewohnt war. Welcher von diesen etlichen Menschen aber ihr Begleiter war, konnte sie schon nach wenigen Sekunden nicht mehr sagen. Eine ganze Weile machte sie mit, spürte den ein oder anderen in oder an sich und genoss es, wie sie es immer genossen hatte, von allen begehrt und gewollt zu sein. Wann die Stimmung kippte konnte sie gar nicht sagen, aber irgendwann wurde aus Spaß Ernst. Aus Leidenschaft, Angst und aus Gewollt ein Unfreiwillig.

 

Ein Entkommen war unmöglich. Von überall griffen Hände nach ihr, undefinierbare Flüssigkeiten ergossen sich über ihren Körper und ihre Schreie gingen in dem Lärm der Lustschreie unter. Erst als alle bekommen hatten was sie wollten, ließen sie von ihr ab und sie fiel in eine lang ersehnte Ohnmacht.

 

Als sie die Augen endlich wieder öffnete, war es um sie herum Dunkel. Ihr Kopf dröhnte und sie wusste nicht mit Sicherheit, ob die Flüssigkeit, die sie ertasten konnte, ihr eigenes Blut war oder Körperflüssigkeit von den Menschen, die sie zuletzt umgaben. Sie war verloren in der Dunkelheit und wusste nicht, was mit ihr geschah. Nur eines wusste sie mit Sicherheit, dass sie hier nicht so einfach wieder raus kam. Diesmal würde es wohl nicht nach ihrem Kopf gehen. Diesmal nicht.

 

Als sich die Tür öffnete, ergoss sich grelles Licht in ihren Kerker. Den Mann aber, der da nun vor ihr stand, konnte sie nicht erkennen. Sein Gesicht, verdeckt von einer goldenen Maske, war markant, sein Körper straff und gut gebaut, doch sie konnte nur Ekel empfinden. Mit aller Gewalt riss er sie hinaus und zerrte sie in eine Kammer mit Duschen. Dort wusch er sie, bis man ihre Blessuren nicht mehr erkennen konnte. Ohne ein Wort, packte er sie wieder und schleppte sie in einen großen Saal.

 

Andere Frauen machten sie zurecht und setzen ihr wieder eine Maske auf. Der Mann, der sie hinausgelassen hatte, immer in der Nähe. Egal was sie versucht hätte, es gab kein Endkommen. Ihre Angst konnte man riechen, aber davon ließ sich hier niemand beeindrucken. Zurechtgemacht wie eine Prinzessin ließen sie sie alleine in diesem Raum zurück und schlossen die prunkvollen Türen. Erst als sie endlich alleine war, traute sie sich aufzustehen und sah sich um. Es gab nur einen Ausgang. Dieser war von außen verschlossen. Fenster gab es keine, aber eine Menge Vorhänge, in allen erdenklichen Farben. Überall gab es Nischen, in denen man sich zurückziehen konnte, aber Kameras überwachten jeden Winkel. Jetzt wusste sie auch, warum alle Masken trugen.


Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, öffneten sich auch schon die Türen und etliche Menschen betragen den Raum. Wieder war sie es, die alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie mit der silbernen Maske.

 

„Du willst alles, du bekommst alles“ Diese Worte ließen ihr keine Ruhe, als sie das zweite Mal über sie herfielen. Sie bekam alles. Alles was sie nie gewollt hatte. Bis sie in ihrem Keller verrottete und nichts mehr von der Frau übrig war, die sie einst mal war. Sie hatte alles bekommen.


Nur kein Leben in Freiheit.

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